Politik : London ließ Regierungen abhören Agenten spionierten bei G-20-Gipfel

Matthias Thibaut (mit dpa)

London - Teilnehmer am G-8-Gipfel in Loch Erne in Nordirland werden am Montag auf ihre Blackberry-Handys gestarrt und sich nur zögernd in ihre Computer eingeloggt haben. Pünktlich zum Gipfelbeginn wirkten weitere Enthüllungen des „Guardian“ über die Aktivitäten der Geheimdienste wie eine Warnung an dessen Protagonisten: Demnach wurden Spitzenpolitiker aus aller Welt bei zwei G-20-Gipfeln 2009 in London von britischen Spionen systematisch abgehört – auf Anweisung der Gipfelgastgeber, der britischen Regierung. Unter anderem seien Südafrika und die Türkei ins Visier genommen worden.

Scharfe Reaktionen gab es in Ankara, wo der britische Botschafter einbestellt und um eine Erklärung gebeten wurde. Wenn die „Guardian“-Berichte stimmten, sei ein solches Verhalten gegenüber einem Nato-Verbündeten „unakzeptabel“ und „skandalös“, verlautete vonseiten der türkischen Regierung. Nach den Enthüllungen, die auf Edward Snowden, einen ehemaligen Mitarbeiter des US-Geheimdienstes zurückgehen, haben die Abhörspezialisten der britischen Spionagezentrale „Government Communications Headquarters“ (GCHQ) bei dem Gipfel nicht nur routinemäßig Handygespräche abgehört und Datenverkehr angezapft. Die Spione richteten auch ein Internetcafé für Gipfelteilnehmer ein, wo diese dann bequem ausspioniert werden konnten. Laut einer der Zeitung zugespielten Powerpoint-Präsentation brüstet sich GCHQ, britische Analysten und Minister „beinahe zeitgleich“ mit Inhalten versorgt zu haben. Auch habe man Login-Daten und Einzelheiten über den E-Mail-Verkehr der Delegationen sammeln können.

Die britische Regierung wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern. „Wir geben nie Kommentare zu den Nachrichtendiensten ab“, hieß es. Offenbar waren die britischen Spione beim Londoner Gipfeltreffen nicht die einzigen Agenten: Laut Snowdens Dokumenten hatte der US-Geheimdienst unter anderem Russlands Präsident Dimitri Medwedew im Visier.

Ob auch der Bundesnachrichtendienst (BND) das Internet künftig stärker nutzen wird, ist bislang unklar. Der „Spiegel“ hatte von einem 100 Millionen Euro schweren Programm des Auslandsgeheimdienstes für die Netz-Überwachung berichtet. „Es befindet sich aber alles noch im Reich der Überlegungen“, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter. Matthias Thibaut (mit dpa)

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