Politik : Los Angeles: Wenn Minderheiten Mehrheit werden

Malte Lehming

Auf Anhieb wird wohl keiner die nötige Mehrheit hinter sich scharen können. Deshalb wird es am Dienstagabend weder den ersten Latino, noch den ersten Juden, die erste Frau oder den ersten Schwulen als Bürgermeister von Los Angeles geben. Das Rennen aber ist trotzdem spannend, weil nach der Stichwahl am 5. Juni all das möglich ist. Und was in Los Angeles geschieht, Amerikas zweitgrößter Stadt, passiert irgendwann auch anderswo im Land, sagt man.

Aus diesem Grund wird der Bürgermeister-Wahlkampf selbst Tausende Meilen entfernt an der Ostküste genau beobachtet. Um das Amt des Bürgermeisters von Los Angeles bewerben sich 24 Kandidaten, von denen sich sechs noch Siegeschancen ausrechnen. Der Gouverneur von Kalifornien, der Demokrat Gray Davis, hat sich vor einigen Tagen eindeutig positioniert. Mit viel Pathos sprach er sich für den hispanischen Kandidaten Antonio Villaraigosa aus. Davis erinnerte an seinen eigenen Mentor, Tom Bradley, der 1973 zum ersten schwarzen Bürgermeister der Stadt gewählt worden war. "Damals haben die Bürger von Los Angeles, statt auf die Hautfarbe eines Kandidaten zu achten, in einer historischen Entscheidung die qualifizierteste Person in das Amt gewählt. In diesem Jahr, fast 30 Jahre später, stehen die Bürger wieder vor einer historischen Entscheidung: Antonio Villaraigosa könnte der Tom Bradley des Jahres 2001 sein."

Kalifornien ist der bevölkerungsreichste und multikulturellste Bundesstaat der USA. Wie in New Mexico, Hawaii und Washington D. C. sind die Weißen dort nicht mehr in der Mehrheit. Der Wandel ging dramatisch schnell. Vor zehn Jahren stellten die Weißen in Kalifornien noch 75 Prozent der Bevölkerung. In ganz Amerika haben die Hispanics - auch Latinos genannt - die Gruppe der Schwarzen zahlenmäßig überrundet. Das sind einige der Ergebnisse der jüngsten Volkszählung. Selbst zurückhaltende Kommentatoren sprechen bereits von einer "demographischen Revolution", die das Land von Grund auf verändern wird.

In Los Angeles stellen die Latinos mehr als 43 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahren und mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung. Von denen gehen allerdings nur 20 Prozent regelmäßig zur Wahl. Außerdem hat Villaraigosa einen Nebenbuhler. Auch Xavier Becerra ist ein hispanischer Kandidat. Laut Umfragen können beide bislang mit jeweils etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Stimmen rechnen. Würde einer von beiden verzichten, läge ein Latino klar vorn. Doch der persönliche Ehrgeiz der beiden ist offenbar stärker ausgeprägt als die Hoffnung, dass zum ersten Mal seit 1872 einer der ihren zum Bürgermeister von Los Angeles gewählt wird.

"Wenn es keine klare Mehrheit mehr gibt, dann gibt es vielleicht auch keine Minderheiten mehr", sagt der hispanische Abgeordnete Cruz Bustamante. "Endlich ist die Zeit gekommen, dass wir uns nicht mehr als Gruppen mit unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft verstehen, sondern nur noch als Menschen." Damit spricht Bustamante ein Problem an, das derzeit immer intensiver in den USA diskutiert wird: Der rapide Anstieg der Zahl der Latinos und Asiaten stellt das gesamte politische Minderheitenkonzept in Frage. Ist es beispielsweise noch sinnvoll, die "affirmative action" beizubehalten, jenes Quoten-System, das die Schwarzen an Bildungseinrichtungen bevorzugt?

Urprünglich wurden diese Quoten zu Zeiten der Nixon-Regierung eingeführt, um die Unterschiede in der Chancengleichheit wettzumachen. Damals stand eine klar definierte schwarze Minderheit, die seit der Staatsgründung diskriminiert worden war, einer klar definierten weißen Mehrheit gegenüber, die von der Diskriminierung profitiert hatte. Heute geben 6,8 Millionen Amerikaner an, mehr als einer ethnischen Kategorie anzugehören. Die Zahl der gemischt-ethnischen Ehen steigt kontinuierlich. Was tun? Das Quoten-System auf alle Minderheiten ausdehnen, damit nicht nur die Schwarzen, sondern auch Hispanics, Asiaten, indianische Ureinwohner und Araber davon profitieren? Oder es ganz abschaffen, weil es sich überholt hat? Als erster Staat hat das liberale Kalifornien 1996 die Quoten abgeschafft. Den Politikern schien es angesichts der Vielfalt der Bevölkerung unmöglich geworden zu sein, die Menschen eindeutig aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu kategorisieren.

Dabei sind die Unterschiede immer noch gravierend. Überproportional viele Schwarze werden in Amerika ins Gefängnis gesteckt, 26 Prozent der hispanischen Mädchen und 31 Prozent der hispanischen Jungen brechen die Schule vorzeitig ab, in Kalifornien verdienen Latinos im Durchschnitt knapp die Hälfte dessen, was nicht-hispanische Weiße verdienen. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Aber es ist unklar, ob ein wie auch immer gearteter Rassismus dafür verantwortlich gemacht werden kann und ob ein Quoten-System das beste Gegenmittel ist. Der künftige Bürgermeister von Los Angeles jedenfalls braucht Stimmen, keine Quoten. Und der wirklich echte Amerikaner trägt irgendwann alle Rassen der Welt in sich. Dahin geht die Entwicklung.

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