Lothar Bisky : "Ich habe einen Wutausbruch bekommen, wie ich ihn alle fünf Jahre habe"

Der Linken-Vorsitzende Lothar Bisky über den Umgang mit Kritik in seiner Partei, die Zeit nach Lafontaine – und die Annäherung an die SPD.

Interview von Cordula Eubel
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Lothar Bisky -Foto: Mike Wolff

Herr Bisky, Sie haben neulich einen Hang zur Denunziation in Ihrer Partei beklagt. Warum ist die Linke so anfällig dafür?



In der Geschichte der Linken gehörte Denunziation häufig dazu. Vor allem nachdem der Stalinismus eingezogen war. Die einen haben die Parteilinie für sich beansprucht, die anderen wurden als Abweichung definiert und mussten zum Teil ihr Leben deswegen lassen. Auch heute gibt es in meiner Partei eine Kommunikation, die gelegentlich denunziatorisch ist. Dagegen wehre ich mich mit aller Kraft.

Für manche Ihrer Genossen ist offenbar Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch mehr Feind als FDP-Chef Guido Westerwelle. Teilen Sie diesen Eindruck?

Der offene Umgang mit Kritik ist in der Linken durchaus entwicklungsfähig. Dietmar Bartsch als Feind der Linken hinzustellen, ist würdelos. Das lehne ich strikt ab. Er hat Verdienste um die Partei, daran lasse ich überhaupt nicht rütteln. Sicher, er hat einen Fehler gemacht. Aber wer macht das nicht? Ich mache jeden Tag Fehler. Damit muss man normal umgehen und sie nicht so aufplustern.

Gregor Gysi warf Bartsch Illoyalität gegenüber Oskar Lafontaine vor, dieser unterstellte ihm niederträchtiges Verhalten.

Auf die Vorwürfe will ich nicht mehr eingehen, das ist Geschichte. Aber eines stimmt: Nach diesen Vorgängen habe ich einen Wutausbruch bekommen, wie ich ihn alle fünf Jahre einmal habe.

Sie sprachen davon, dass in der Linken der „Stalinismus durch die Hintertür“ wieder einziehe. Was haben Sie damit gemeint?

Ich muss das erklären. Ich habe nie dabeigesessen, wenn in Parteigremien Abwesende fertiggemacht wurden – oder Leute, die keine Chance hatten, sich zu verteidigen. Man kann Dietmar Bartsch ja meinetwegen öffentlich kritisieren, aber nur, wenn er Gelegenheit hat, dazu Stellung zu nehmen. Alles andere ist eine Rückkehr zum Stalinismus. Ich werde auch in Zukunft jede Parteiversammlung verlassen, auf der das missachtet wird.

Seit Lafontaine die Linke führt, wird wieder mehr über „rote Linien“ geredet. Wie offen darf die Linke über ihr Grundsatzprogramm diskutieren?

Sie muss offen diskutieren, und das tut sie auch. Die Linke braucht Grundsätze, die wir hart erstreiten müssen und die mehrheitlich akzeptiert werden. Aber sie braucht keine roten Linien.

Im März wollen Sie mit Lafontaine einen Entwurf für das Grundsatzprogramm vorlegen. Worauf werden Sie achten?

Mir ist wichtig, dass es ein Programm für die Linke im 21. Jahrhundert wird. Eine der entscheidenden Fragen wird sein, wie man individuelle Freiheiten und die soziale Frage verbindet.

Bei der Diskussion über die neue Parteiführung tun sich Gräben zwischen Ost und West auf. Droht die Linke zu zerbrechen?

Ich glaube nicht. Wir haben eine sehr stabile Basis, die Querelen der Führung aushält und beharrlich ihre Arbeit vor Ort macht. Die holen uns auf die Erde zurück. Im Übrigen: Die Linke wächst von den Wurzeln, nicht vom Kopf.

Lafontaine hat als größte Schwäche der Linken bezeichnet, dass sie im Westen so instabil sei. Gerät die Linke in die Defensive, wenn ausgerechnet ihr prominentestes Zugpferd im Westen sich zurückzieht?

Ich wehre mich gegen das Klischee, dass es im Westen nur Spinner und Splittergruppen gibt. Das ist Amateursoziologie. Wir haben im Westen auch viele sehr stabile Gruppierungen. Etwa auf Helgoland – um nur ein Beispiel zu nennen. Und was Lafontaine angeht: Es ist bedauerlich, aber verständlich, dass er nicht erneut als Parteivorsitzender kandidiert. Aber es ist kein Rückzug, er haut ja nicht ab. Jetzt müssen wir die Situation annehmen und Neues wagen.

Ihre Nachfolge sollen im Mai der bayerische Gewerkschafter Klaus Ernst und die Ostberliner Abgeordnete Gesine Lötzsch antreten. Ist eine nach Ost und West quotierte Doppelspitze noch notwendig?

Ich selber bin kein Anhänger von Doppelspitzen. Aber nun gibt es diesen Vorschlag, und damit habe ich mich positiv auseinandergesetzt.

Sie haben immer dafür geworben, die Sozialdemokraten nicht als Hauptgegner anzusehen. Was raten Sie Ihren Nachfolgern im Umgang mit der SPD?

Natürlich sollten sie keine Grundsätze über Bord werfen. Aber ich empfehle schon eine stärkere Öffnung der Partei. Manche denken, dass wir mit 11,9 Prozent im Bundestag die Richtung der deutschen Politik bestimmen können. Das ist nicht der Fall. Die Linke muss darüber nachdenken, mit wem sie ihre Vorschläge umsetzen will. Wir dürfen nicht warten, ob die SPD irgendwann auf uns zukommt. Wir müssen auch selbst gucken, wo Gemeinsamkeiten sind.

Wo sehen Sie die Linke in zehn Jahren?

Ich wünsche mir, dass die Partei noch wächst. Sie kann 20 Prozent erreichen.

Auf Kosten der SPD?

Das glaube ich nicht. In der Krise sind die Menschen vielleicht nicht besonders risikofreudig und denken nicht so gerne über Alternativen nach. Aber es wird noch die Zeit kommen, in der wir über die Ursachen der Krise gründlicher reden. Den Menschen wird auffallen, dass die jetzige Bundesregierung gar nichts an den Spielregeln geändert hat. Das wird für uns eine Chance sein – und vielleicht auch für die SPD.

Das Interview führte Cordula Eubel.

Lothar Bisky (68) ist noch bis zum Mai gemeinsam mit Oskar Lafontaine Vorsitzender der Linken. Seit 2009 führt der langjährige PDS-Chef außerdem die linke Fraktion im Europaparlament.

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