Lothar de Maizière : "Die Menschen haben ihn verstanden"

Der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, spricht mit dem Tagesspiegel über Altbischof Schönherr.

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Foto: picture-alliance/dpa

An diesem Sonnabend wird in der Marienkirche des verstorbenen Altbischofs Albrecht Schönherr gedacht. Worin bestand seine Bedeutung?



Albrecht Schönherr war ein Schüler von Dietrich Bonhoeffer. Er hat uns dessen theologisches Denken nahegebracht, dass Kirche „Kirche für andere“ ist und deshalb auch die Aufgabe hat, sich auch für die irdischen Angelegenheiten verantwortlich zu fühlen. Das war für uns im Osten eine wichtige Wegweisung in den schweren Zeiten der Konfrontation von Kirche und Staat.

Wofür steht Schönherr in den Ämtern, die er ausgeübt hat? Da fehlt ja keines von Bedeutung – zuerst, seit 1967, die Verwaltung des Ostteils der Berlin-Brandenburgischen Kirche, dann, von 1972 an, als Bischof, schließlich von 1969 bis 1981 der Vorsitz des DDR-Kirchenbundes nach der Trennung der Kirchen in der DDR von der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Bis 1961 befanden sich die ostdeutschen Kirchen immer noch mit einem Bein im Westen. Mit dem Bau der Mauer war das vorbei. Dem Lebenshintergrund, den Christen in der DDR und in der Bundesrepublik hatten, konnte eine EKD-Synode mit gemeinsamen Beschlüsse für Ost und West nicht mehr gerecht werden. Da war Schönherr eine wichtige Instanz. Ich erinnere mich, dass mein Vater, der Mitglied der Synode war, die Trennung von der EKD als schmerzlich empfand, aber ihr zustimmte. Die Gemeinschaft mit den westdeutschen Kirchen war in der Grundordnung des Bundes festgeschrieben, und die Beziehungen blieben eng.

Albrecht Schönherr war maßgeblich an der Formel „Kirche im Sozialismus“ beteiligt, einem umstrittenen Konzept …

… das aber meistens falsch interpretiert wird. Die Formel sollte ausdrücken, dass die DDR der Platz sei, an dem wir unser Christsein zu bezeugen und zu leben hatten. Deshalb hieß es im Original: nicht Kirche neben dem Sozialismus, nicht gegen den Sozialismus, sondern eben im Sozialismus. Dagegen gab es Widerstände, manche sahen darin einen Verrat, aber ich glaube, dass die Formel vielen Christen in der DDR einen Halt gab.

Sie haben Schönherr als Gemeindemitglied, aber vor allem als Mitglied der Synode gekannt. Was war das für ein Mann?

Er war ein Bischof, der sich der Bedeutung dieses Amtes bewusst war. Aber auch ein Seelsorger. Das können nicht zuletzt die bezeugen, die ihn im Predigerseminar in Brandenburg kennengelernt haben. Mich hat beeindruckt, wie er nach dem Ausscheiden aus seinen Ämtern durchs Land gezogen ist und mit den Menschen über den Glauben sprach. Da war ihm keine Ortschaft zu klein. Und die Menschen haben ihn verstanden.

Das Gespräch mit Lothar de Maizière führte Hermann Rudolph.

ZUR PERSON:

Lothar de Maizière, letzter Ministerpräsident der DDR, war Mitglied der Synode des DDR-Kirchenbundes, zuletzt als Vizepräsident. Er arbeitet heute als Rechtsanwalt in Berlin.

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