Lübeck : Deutsche Polizisten in Afghanistan: Feind und Helfer

Sie sollen es richten: Deutsche Polizisten werden in Lübeck auf ihren Einsatz als Polizeiausbilder in Afghanistan vorbereitet. Obwohl die Sicherheitslage immer instabiler wird und es kaum nennenswerte Erfolge vorzuweisen gibt, melden sich Beamte freiwillig für den Job.

Johannes Pennekamp[Lübeck]
Ein deutscher Ausbilder trainiert einen afghanischen Polizisten.
Ein deutscher Ausbilder trainiert einen afghanischen Polizisten.Foto: dpa

In der Nacht hat es geschüttet, der Jeep fährt über nasse Wege auf ein Waldstück zu, wird kräftig durchgeschüttelt. Nach jeder Kreuzung funkt Lucky auf dem Beifahrersitz die Position durch, ansonsten sagt im Fahrzeug keiner der vier Insassen ein Wort. Plötzlich ein Knall. Ein Sprengsatz explodiert am Straßenrand. Noch ein paar Kilometer, dann hätten es die Männer zurück ins Lager geschafft. Doch jetzt rattern zwischen den Büschen die Maschinengewehre der Angreifer, es gibt kein Entkommen. „Überall Blut, meine Augen, ich kann nichts mehr sehen“, schreit der Fahrer. Auf der Rückbank klammert sich der bullige Bundespolizist Niko an sein Sturmgewehr, Lucky zerrt den Fahrer aus dem Jeep und drückt ihm eine Kompresse ins Gesicht. Niko verschanzt sich hinter dem Auto, erwidert das Feuer.

Die drei Männer, Polizisten von Beruf, sitzen in der Falle. Hinter einem Schuppen könnten sie sich in Sicherheit bringen, aber es muss schnell gehen. Willkommen in Afghanistan – oder das, wofür man Afghanistan hier hält im Trainingscamp der Bundespolizeiakademie bei Lübeck, wo 18 deutsche Polizisten auf ihren Einsatz am Hindukusch vorbereitet werden, um einheimische Polizisten auszubilden.

Das weitläufige Gelände ist übersät mit zweistöckigen roten Backsteinhäusern, versprüht spröden Kasernen-Charme. Morgens joggen Bundespolizisten in Uniform die Straßen entlang, abends treffen sie sich in der „Kantine“, einer sterilen Kneipe mit blau-weißen Papiertischdecken. Es gibt einen großen Speisesaal, eine Sportanlage, sonst nichts.

Wie brave Schüler sitzen elf Afghanistan-Polizisten in einem der Backsteinhäuser, Seminarraum 1.28, an einer Tischfront aufgereiht. Zehn Männer, eine Frau, der Jüngste ist 28, der Älteste 45. Auf den Schultern ihrer dunkelblauen Uniformen tragen sie die Wappen ihrer Bundesländer, an den Füßen schwere schwarze Stiefel. Nur die Wände verraten, dass es in diesem Raum um eine der gefährlichsten Regionen der Welt geht. An einer Pinnwand hängen die Lageberichte der Bundeswehr über die jüngsten Zwischenfälle, daneben Fotos aus den Feldlagern. An Kleiderbügeln hängen landestypische Gewänder, auf einem Tisch liegen Gebetsteppiche und ein Tuch mit dem Konterfei von Präsident Karsai. Und in die Stille bricht das krachende Geräusch einer Plastikflasche, die zerdrückt wird.

„Heute Nacht wohl von zu viel Kraft geträumt“, sagt ein Polizist zu seinem hühnenhaften Nachbarn, der die zerquetschte Plastikflasche in den Händen hält. Die Lehrgangsteilnehmer kennen sich jetzt seit einer Woche, man duzt sich, der Ton wird flapsiger. Zum Unterricht ist aus Berlin ein Referent des Auswärtigen Amtes angereist. Trotz seines dunklen Anzugs und der schicken Krawatte wirkt er jugendlich, so, als hätte er vor nicht allzu langer Zeit noch im Uni-Hörsaal gesessen. Seine Zuhörer haben alle mindestens acht Dienstjahre hinter sich. Der Computer streikt, der Referent klammert sich an seine Karteikarten. Er ist Mitglied der „Task-Force Afghanistan“ und will etwas über Sinn und Zweck der Mission zu erzählen. Er spricht von „Prozessen“, die sich an die verschiedenen Afghanistankonferenzen angeschlossen hätten, und von den scheinbar unüberwindbaren Problemen am Hindukusch. „Allein 2008 hat die afghanische Regierung insgesamt 1330 getötete Polizisten gezählt.“ Kaum eine Woche vergeht, in der nicht wie diesmal in Kandahar Polizisten durch Sprengsätze getötet werden. Die Abbrecherquote bei der afghanischen Bereitschaftspolizei beträgt rund 65 Prozent, bei den anderen Polizeieinheiten kann jeder Vierte nicht bei der Stange gehalten werden. Zu stark sind die Klanstrukturen, zu schlecht ist die Bezahlung.

Die Polizisten hören zu. Sie könnten den Mann aus dem Ministerium jetzt mit all den kritischen Fragen löchern, auf die sie selbst keine Antworten finden. Was bringt die Ausbildung, wenn einheimische Sicherheitskräfte erschossen werden und massenhaft abspringen? Warum wird nicht mehr gegen die Korruption getan? Aber da kommt nichts. Sie selbst werden ihr Leben riskieren. Für was?

Vielleicht nehmen die Polizisten den Bürokraten aus Berlin nicht ganz ernst. „Wie lange waren Sie eigentlich schon selbst in Afghanistan?“, fragt einer. Der Referent war schon da, das hilft, ein bisschen. Später wird Thomas* in der Kantine sagen, dass er neugierig sei, wie er „im Ausland funktioniert“. Neben ihm wird die blonde Katja* sitzen, sie habe von Kollegen, die schon da waren, viel über Land und Leute gehört und wolle sich jetzt mal ein eigenes Bild machen, sagt sie. Und Daniel*, der in einem Büro hockt und Betrugsdelikte abarbeitet, wird meinen: „Mir geht es hier in Deutschland einfach zu gut.“ Er hat seinen höchsten Dienstgrad erreicht, arbeitet in der Nähe seines Wohnorts, hat eine Verlobte. Die ist zwar nicht begeistert von seinen Plänen, „aber ich will halt nicht die nächsten dreißig Jahre das Gleiche machen“. Das klingt mehr nach einer Abenteuerreise oder einem Selbstfindungstrip als nach dem Einsatz in einem Kriegsgebiet.

Lucky war schon „da unten“, wie er sagt. Für drei Monate stationiert in Masar-i-Scharif. Mit Gott und Glaube hat der kräftige 46-Jährige, für gewöhnlich in einer niedersächsischen Kleinstadt stationiert, nicht viel am Hut, aber da unten sei er oft in der Feldkirche gewesen, beim Priester. Denn da unten lauerte etwas, das er nicht beeinflussen konnte, das ihn ein bisschen hilflos machte. Jeden Tag, jede Sekunde kann in Afghanistan etwas passieren, das das Leben abrupt beendet.

Jetzt ist der drahtige Mann mit den blonden kurzen Haaren und dem rötlichen Gesicht wieder in Deutschland. Doch anstatt glücklich zu sein, dass er seinen Einsatz heil überstanden hat und sich wieder seinem eingespielten deutschen Polizistenalltag widmen kann, fährt Lucky frühmorgens in einem dunkelgrünen Jeep mit zwei schwer bewaffneten Kollegen auf das kleine Waldstück zu, in dem die Angreifer alles für ihren Anschlag präpariert haben.

Es steht im Drehbuch, was der Fahrer schreien soll, wenn es knallt. Die Polizisten müssen zum Schuppen gelangen, sie werfen eine Nebelbombe und flüchten.

Ganz ruhig aus ein paar Metern Entfernung beobachtet Übungsleiter Dirk Ruge den simulierten Anschlag. Erst als seine Männer es vollzählig hinter den Schuppen geschafft haben, ruft er: „Schluss, das reicht.“ Er schaut auf seine Uhr: „Drei Minuten vierzig, bis ihr weg wart, das ist eine ordentliche Zeit.“ Die Schüsse sind verstummt, aus den Büschen kriechen Komparsen mit Maschinenpistolen und schwarzen Sturmkappen. Hülsen der Schreckschussprojektile bedecken den Asphalt und die Luft schmeckt nach beißendem Qualm.

Ruge wird die Teams an diesem kühlen Herbstmorgen noch durch ein halbes Dutzend solcher Extremsituationen schicken. Und immer wenn die Schüsse verstummt sind und sich der Qualm verzogen hat, wird der schmale 39-Jährige, der wie alle Trainer der Polizeiakademie selbst am Hindukusch im Einsatz war, mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme aufzählen, was den Beamten im Ernstfall zum Verhängnis geworden wäre, was sie besser machen müssen. Details sollen nicht in der Zeitung stehen, weil das den Taliban nutzen könnte. Deutlich wird: Es gibt keine Musterlösungen. „Es ist klar, dass wir hier nur für die Gefahren sensibilisieren können“, sagt der Trainer. Daran, dass seine Schüler im Einsatz sterben könnten, will der Familienvater lieber nicht ständig erinnern, Todesfälle werden nicht simuliert. „Wir können hier nur unser Bestes geben“, sagt er und legt seine Stirn unter der blauen Kappe in Falten.

Die Zeit, die der Ausbilder für die Vorbereitung hat, ist knapp. Es mussten erst drei deutsche Polizisten 2007 bei einem Anschlag in Kabul ums Leben kommen, bis das Missionstraining von zwei auf etwas mehr als drei Wochen verlängert wurde, ab 2011 soll es einen Monat dauern. Landeskunde, erste Hilfe unter Gefechtsbedingungen, Anschlagsimulationen und Schießtraining mit der Bundeswehr stehen auf dem Stundenplan, der häppchenweise an die brutale Realität in Afghanistan angepasst wurde. Und jetzt ist für alles gesorgt? Ruge stapft durch eine tiefe Pfütze und zählt auf: Statt moderner Schutzwesten tragen die Polizisten ausrangierte Modelle, die Funkgeräte stammen von einem anderen Hersteller und nur zwei der Übungsfahrzeuge sind gepanzert und vermittelten das reale Fahrgefühl. Abhilfe ist versprochen, doch die kostet Geld.

Es ist dunkel geworden, Feierabend. Streifenpolizist Lucky und seine Kollegen hocken wieder in der Kantine, die Kellnerin serviert Currywurst mit Pommes und Bier in Halbliter-Krügen. Natürlich drehen sich ihre Gespräche um den Einsatz. Einer erinnert sich gern an seinen letzten Aufenthalt, an die einheimischen Kollegen, die tagelang auf einem Lastwagen angereist waren, nur um sich ausbilden zu lassen, und die zum ersten Mal in ihrem Leben ein festes Dach über dem Kopf und eine weiche Matratze unter dem Rücken gehabt hätten. Wer ihm zuhört, bekommt eine Ahnung, warum sie allesamt trotz ernüchternder Fakten von ihrer Mission überzeugt sind. Helfen, das ist etwas, was diese Männer in ihrem Berufsalltag verinnerlicht haben, bei Gewalttaten, Unfällen, Schlägereien. Und doch führt sie ihre Mission nun in ein Land, wo „Helfen“ einen anderen Klang hat. Das üppige Zusatzgehalt von bis zu 190 Euro pro Tag spielt keine Rolle: „Wer wegen des Geldes runtergeht, ist da falsch. Der hält es höchstens zwei Wochen aus“, sagt Lucky.

Für ihn, der weder Frau noch Kinder hat, stand direkt nach seiner Rückkehr fest, dass er noch einmal nach Afghanistan gehen würde. Diesmal hat er sich für das Focused District Development Program, kurz FDD, beworben. Anders als in den sonst üblichen sechswöchigen Crashkursen begleiten Lucky und seine Kollegen die einheimischen Polizisten bis zu zwölf Monate in ihrem Distrikt und bringen zusätzliche kleine Sozialprojekte auf den Weg, zum Beispiel den Bau von Fußballplätzen, die zeigen sollen, dass die Deutschen es ernst meinen mit ihrem Engagement. Das Programm gilt als besonders effektiv. Einerseits. Andererseits ist es außerordentlich gefährlich, weil die FDD-Ausbilder ständig das geschützte Camp verlassen und weite Strecken zurücklegen müssen.

Lucky, der auch schon im Kosovo stationiert war und dort eine Schießerei überstanden hat, hält die Risiken des FDD-Einsatzes für kalkulierbar. Angst, sagt er, habe er nicht. Sollte er Hilfe brauchen da unten, wird er sie sich wohl wieder von oben holen, beim Priester, in der kleinen Feldkirche.

(* Namen geändert)

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