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"Lügenpresse"-Vorwurf : Ungebetener Besuch beim Rechercheverbund „Correctiv“

Plötzlich stehen zwei Männer mit Kamera in den Redaktionsräumen und beschimpfen die Journalisten. Auch der Tagesspiegel sollte schon eingeschüchtert werden.

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Graham (links) und Six auf dem Weg zu der Redaktion von "Correctiv".
Graham (links) und Six auf dem Weg zu der Redaktion von "Correctiv".Screenshot: Youtube/Graham Phillips

Als der Streifenwagen um die Ecke biegt, nehmen die vorher noch so selbstsicher aufgetretenen Männer doch lieber die Beine in die Hand. Das Propagandavideo soll nicht mit einer Verhaftung der Protagonisten enden, sondern zeigen: Erfolgreiche Intervention bei der „Lügenpresse“.

Kurz zuvor stapfen die Beiden, der eine glatzköpfig, der andere mit lichtem Haar, zielstrebig auf die Redaktionsräume des Rechercheverbunds „Correctiv“ in Berlin Mitte zu. Ihre Videokamera läuft mit. Ohne Probleme wird ihnen Einlass gewährt, und plötzlich stehen sie mitten in der Redaktion und blicken in verdutzte Gesichter.

Sie wollen den Journalisten Marcus Bensmann sprechen. Dieser hatte zusammen mit David Crawford über den Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 über der Ukraine recherchiert und herausgefunden, dass russische Offiziere für den Angriff verantwortlich waren. 298 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Reportage wurde für den Nannen-Preis nominiert.

Doch anstatt sich vorzustellen, fängt einer der Männer an, die „Correctiv“-Mitarbeiter zu beschimpfen: „Lügenpresse!“, ruft der Glatzköpfige mit englischen Akzent. Sie werfen den Journalisten vor, Propaganda zu betreiben und Zitate gefälscht zu haben. Erst nach einiger Anstrengung gelingt es, beide aus den Redaktionsräumen zu komplimentieren. Eine Mitarbeiterin ruft die Polizei.

Bei den Männern handelt es sich um Graham W. Phillips und Billy Six, beide eint eine merkwürdige Biografie. Graham Phillips ist mit seiner Videokamera als selbsternannter Journalist vor allem in der Ostukraine unterwegs und ist für seine moskautreue Berichterstattung bekannt. Im Mai 2014 soll er laut Recherche der „Correctiv“-Journalistin Tania Röttger von der ukrainischen Nationalgarde an der Grenze zur Ostukraine gefangen genommen worden, im März 2016 auf einer lettischen Nazi-Demonstration verhaftet worden sein. Das jedenfalls berichtet das rechte „Contra Magazin”. Graham Philips selbst hatte unter anderem diesen Tweet aus der Ukraine abgesetzt, die ihn in einer Separatisten-Uniform beim Abfeuern einer Waffe in einem Schießstand zeigen:

Auch Billy Six ist oft in Krisengebieten unterwegs. Einem Bericht des „Spiegel“ zufolge wurde er 2012 in Syrien festgenommen und in einem Gefängnis des Regimes inhaftiert. Er schilderte seine Erlebnisse später auf einer AfD-Veranstaltung. Auf seiner Website nennt er sich „Finanzarzt für die besondere Sorte Mensch“. In dem Video von dem Besuch bei „Correctiv“ behauptet Phillips, Six sei Journalist.

Marcus Grill ist Chefredakteur bei „Correctiv“ und war während des ungebetenen Besuchs zugegen. „Das sind keine Journalisten, das sind Propagandakämpfer“, sagt er dem Tagesspiegel. Der Vorwurf, Zitate gefälscht zu haben und Propaganda zu betreiben sei absurd. Die Rechercheleistung habe immerhin mehrere Preise bekommen.

Unabhängig davon habe das nichts mit dieser Form der Auseinandersetzung zu tun. Man sei grundsätzlich immer bereit, über die eigenen Recherchen zu diskutieren. Aber diese Bereitschaft zu missbrauchen um sich Zugang zur Redaktion zu verschaffen, ginge gar nicht.

Dennoch werde man an dem Prinzip der „offenen Tür“ festhalten und keine weiteren Sicherheitsvorkehrungen treffen. Es seien vorher schon ab und zu dubiose Leute in die Redaktion gekommen. „Da hatte man aber nie das Gefühl, dass es gefährlich wird.“

Nun wirft Phillips dem Rechercheverband „Correctiv“ wahlweise Goebbels- oder Nazipropaganda vor: „Es ist wie 1930/40er Jahre“, schreibt er auf Twitter. Überhaupt brüstet er sich mit der Tat, im Minutentakt setzt er am Mittwochnachmittag triumphierende Tweets ab. Er spricht von seinem „Recht als Journalist, zu filmen, Fragen zu stellen“.

„Ich bin nicht davon ausgegangen, dass unsere Aktion so endet“

Seinem Mitstreiter Billy Six ist die Aktion im Nachhinein plötzlich sehr peinlich. Er fühlt sich von Phillips hintergangen. Eigentlich habe er sachlich mit Marcus Bensmann über die Recherche reden wollen. Nach dem Abschuss von MH 17 habe Six in der Ukraine mit denselben Leuten gesprochen wie Bensmann, und gänzlich anderes gehört. Der rabiate Besuch tue ihm leid.

„Ich bin nicht davon ausgegangen, dass unsere Aktion so endet“, sagt Six dem Tagesspiegel. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass Phillips die ganze Zeit über, auch in den Redaktionsräumen, gefilmt habe. Er wisse, dass dies ohne Genehmigung unzulässig sei.

Die „Correctiv“-Mitarbeiter hätten zwar ein Foto von ihm geschossen, wie er nach dem Rauswurf die Kamera von außen ins Fenster hält. Da habe er das Stativ aber nur kurz für Phillips gehalten. „Ich habe ihm deutlich gesagt, dass ich die Aktion nicht toll fand. Ich wollte sachlich reden.“

Noch am Abend habe er Phillips, den er nach eigenen Angaben nur flüchtig kennt, angerufen und ihn gebeten, „nun nicht soviel Staub aufzuwirbeln“. Das lenke vom Thema ab. Bei Marcus Bensmann habe er sich hinterher telefonisch entschuldigt, dieser habe die Entschuldigung aber nicht angenommen. Phillips war für den Tagesspiegel bislang nicht zu erreichen.

Auch der Tagesspiegel hat bereits Besuch mit dem Ziel der Einschüchterung bekommen. In der vergangenen Woche zog die Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling mit einer Handvoll teils vermummter Mitstreiter vor das Redaktionsgebäude in Kreuzberg. Dabei hielten sie Schilder mit Parolen gegen den Islam und gegen den Tagesspiegel in die Luft. Einem Tagesspiegel-Redakteur, der über Festerlings Aktivitäten in Bulgarien berichtet hatte, wurde „ein spezieller Gruß“ ausgerichtet. Festerling macht in Bulgarien gemeinsam mit paramilitärischen Bürgerwehren Jagd auf Flüchtlinge. Danach zog die Gruppe weiter zu anderen Berliner Plätzen, unter anderem vor den Reichstag, weshalb ihr nun ein Bußgeld droht.

Auch auf Graham Phillips und Billy Six wird nun einiger Ärger zukommen. Dem anrückenden Streifenwagen sind sie zwar entkommen. Dennoch ist die Aktion minutiös auf Video dokumentiert und auf Youtube veröffentlicht worden. Gegen die beiden wurde Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen erstattet.  

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