Politik : "Luftschläge allein reichen nicht"

BENJAMIN WAGENER

Mit Skepsis beurteilt der Beobachter der Europäischen Union Karl-Robert Woelk die NATO-Luftschläge gegen Jugoslawien.Der ehemalige Bundeswehroberst, der sich bis Ende 1998 im Kosovo aufhielt und anschließend, bis zur NATO-Evakuierung, im mazedonischen Podgorica stationiert war, befindet sich zur Zeit im kroatischen Cavat 20 Kilometer vor der Grenze zu Montenegro.Im Gespräch mit dem Tagesspiegel bezeichnete er die Luftschläge als falsch, weil sie den Albanern die Möglichkeit nähmen, im Land zu bleiben, und die serbischen Streitkräfte zu langsam schwächen würden.Auch als Militär habe man gelernt, daß der Politik immer der Vorzug gegenüber dem Krieg eingeräumt werden muß.Wenn man sich dennoch für einen militärischen Einsatz entscheide, müsse auch mit geballter Kraft losgeschlagen werden."Man hätte sofort mit Boden- und Luftstreitkräften eingreifen sollen, um danach schnell eine peace-keeping-force zu stationieren", sagte der EU-Beobachter in einem Telefonat aus Kroatien.

Die Stimmung in Kroatien selbst beschreibt Woelk als "äußerst ruhig, nicht im Sinne von vor dem Sturm.Die Menschen in Kroatien haben sich in gewisser Weise an die Bombenangriffe im Kosovo gewöhnt." Man bereite sich jetzt allerdings auch in Kroatien auf Flüchtlinge vor.Es seien Orte für Zwischencamps ausgesucht worden, und Mannschaften legten Unterkunftszelte und sanitäre Ausrüstungen bereit.Die Situation in Serbien beurteilt Woelk dahingehend, daß längst nicht alle Serben rückhaltlos hinter Milosevic ständen."Es sind keine Stimmen für Milosevic, sondern Stimmen der Empörung und des Trotzes, die die NATO-Schläge verdammen.Viele Serben fühlen sich in eine Ecke gedrängt und haben Angst", sagt Woelk.Die jetzige Zermürbungstaktik zeige zwar langsam Erfolge, da die "Luftschläge in den vergangenen drei, vier Tagen so hart geworden sind, daß Aussicht auf ein Einlenken der serbischen Regierung besteht." Dieser mögliche Erfolg sei allerdings wenig wert, da mit ihm ein Flüchtlingsdrama ungeheuren Außmasses einhergegangen sei.

Woelk, der für die Europäische Union und die NATO auch aus Montenegro berichten soll, hält einen Militärputsch gegen den montenegrinischen Präsidenten Djukanovic für möglich, aber wenig wahrscheinlich."Die Leute, die hinter dem Präsidenten stehen, haben begriffen, worauf es ankommt, und wollen den Weg weitergehen.Sie sind ruhig und gefaßt, wogegen die Befürworter von Milosevic es nicht schaffen, die Stimmung umkippen zu lassen und dem serbischen Militär einen Vorwand zum Eingreifen zu geben", erklärt Karl-Robert Woelk.Die Gegner von Djukanovic, die ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmachen und den kritischen Kurs des Präsidenten zu Belgrad ablehnen, hätten es selbst bei mehreren Rockkonzerten in der Hauptstadt nicht geschafft, die Bevölkerung Montenegros zu Ausschreitungen zu provozieren.

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