Politik : Lupenrein aufklären Von Moritz Schuller

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Auch für Wladimir Putin gilt die Unschuldsvermutung. Es gibt im Moment keine Hinweise, geschweige denn Beweise, dass der russische Präsident etwas mit dem Mord an dem ehemaligen russischen Agenten Alexander Litwinenko in London zu tun hat. Dass auf ihm, dem ehemaligen Geheimdienstchef, schon immer ein Grundverdacht lag, der die Fantasie leicht anregt, ist vielleicht ungerecht. Auch George Bush senior war für kurze Zeit Chef der CIA, bevor er zum Präsidenten gewählt wurde. Putin, der vom sterbenden Opfer des Mordes bezichtigt wurde, sollte seine Unschuld nicht beweisen müssen. Er sollte aber, als russischer Präsident, durchaus den Eindruck erwecken, dass er alles tut, um bei der Aufklärung des mysteriösen Falles zu helfen.

Putin macht das Gegenteil. Nach dem Tod Litwinenkos warnte er sofort davor, den Fall zu einer „politischen Provokation“ gegenüber Russland zu machen und sprach davon, dass es keine Anzeichen für einen „unnatürlichen Tod“ des Ex-Agenten gebe. Dass dessen Körper durch Polonium-210 hoch verstrahlt war, war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt. Inzwischen nennt der russische Außenminister Lawrow den Fall „aufgebauscht“, und die Scotland-Yard-Mitarbeiter, die nach Moskau gereist sind, werden daran gehindert, wichtigeZeugen zu vernehmen.

Als die kremlkritische russische Journalistin Anna Politkowskaja am helllichten Tag in Moskau erschossen wurde, sprach Putin zwar von einem „abscheulichen“ Verbrechen. Um dann den zynischen Kommentar nachzuschieben, dass Politkowskajas politischer Einfluss in Russland „extrem unbedeutend“ gewesen war – als ob sie zu unwichtig gewesen sei, um umgebracht zu werden.

Putins Regime lebt davon, dass es bewusst offen lässt, wie weit zu gehen es bereit ist. Insofern mag der russische Machthaber denken, dass die Entkräftung des Mordvorwurfs auch gar nicht in seinem Interesse ist. Doch anders als bei den vielen Morden der vergangenen Monate – erst am Montag erschossen Unbekannte den Direktor einer Ölfördergesellschaft – liegt die Dynamik dieses Kriminalfalls außerhalb der russischen Kontrolle. Und wer, wie der Außenminister des Landes, vor einer „Politisierung der Tragödie“ warnt, hat nicht verstanden, wie weit die bereits fortgeschritten ist. Die politische Gefahr, die vom Tod Litwinenkos ausgeht, wird vom Kreml offenbar noch immer unterschätzt. Und sie wird, nicht zuletzt durch das öffentliche Interesse an dem spannenden Fall, noch größer werden. Der Vorwurf Litwinenkos, geäußert auf dem Sterbebett, ist inzwischen eine Gefahr für Putins politische Zukunft.

Da sich der Hauptverdacht der englischen Ermittler derzeit gegen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB richtet, wäre gerade Putin als dessen ehemaliger Chef in der Lage, diesen aus der Welt zu schaffen. Er sollte ohnehin das größte Interesse daran haben, dass der Mord aufgeklärt wird. Nicht nur, weil er sich damit selbst entlasten würde, sondern weil es den Verdacht gegenüber seinem Land und seiner Herrschaft ausräumen könnte: dass von dort aus hochgiftiges radioaktives Material in die Welt getragen wird, dass der Geheimdienst außer Kontrolle geraten ist, dass Journalisten ihres Lebens nicht sicher sein können, dass in Russland Menschenleben wenig zählen.

Viele Gründe gibt es also für den russischen Präsidenten, die Aufklärung des Mordfalls Litwinenko voranzutreiben. Es gäbe nur einen einzigen Grund, sie zu behindern.

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