Politik : Luxemburg

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Tim Reuter,
Generation 25



Das "Nein" bei den Referenden in Frankreich und den Niederlanden sowie die Debatte über die Krise in der EU haben die eklatanten Kommunikationsdefizite, die zwischen der Europapolitik und den europäischen Bevölkerungen herrschen, offen gelegt. Europa befindet sich in einer entscheidenden Umbruchphase und es ist bezeichnend, dass die deutsche Präsidentschaft diese mit einer Rückbesinnung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, welche die "Berliner Erklärung" darstellt, eingeleitet hat.
Die aktuelle Renationalisierungstendenz in vielen Ländern belegt die Unfähigkeit der EU, die Menschen von ihrem sozialen Nutzen zu überzeugen. Europäische Integration wird - nicht unbegründet - von vielen mit kultureller Homogenisierung gleichgesetzt, die europäische Erweiterung als trojanisches Pferd für die Globalisierung charakterisiert. Das Image einer sich vornehmlich an wirtschaftlichen Interessen orientierenden EU ist jedoch hausgemacht. Gilt nicht der Euro als das Identifikationssymbol für den europäischen Integrationsprozess? Die einseitige Ausrichtung an ökonomischen Interessen, die unzureichend von kulturellen Maßnahmen ausbalanciert wird, verleiht den Eindruck, dass die Union am gesellschaftlichen Leben der Menschen nicht interessiert sei.

Nur ein cogito ergo sum wird die Union aus der momentanen Lage hinausmanövrieren können. Nur eine Rückbesinnung auf eine an europäischen Werten ausgerichteten Politik, die sich der Ökonomie und der grenzenlosen Logik des freien Marktes nicht unterwirft, wird den Weg für zukunftsgerichtete Errungenschaften frei machen. Nur eine radikale Bewusstmachung der eigenen Identität, nämlich der vielseitigen und widersprüchlichen europäischen Kultur, wird einen gesunden Erneuerungsprozess einleiten können. Erst wenn die EU es schafft, intelligente Kulturvermittlung ohne wirtschaftliche Hintergedanken im alltäglichen Leben sichtbar zu verankern, wird sie sich als eine legitime, repräsentative Instanz aller Europäer erweisen. Erst wenn die europäische Kultur zum sicheren Fundament der EU gemacht und nicht nur erklärt wird, wird dieses Bündnis einer Verfassung würdig sein.

Der Autor, Jahrgang 1979, arbeitet derzeit an einer Doktorarbeit über Europa in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.


Jean-Paul Raths,
Generation50

Als ich den Sommer 1978 der Liebe wegen in Kanada verbrachte, wurde mir irgendwann die wichtige Frage gestellt, ob ich mir denn vorstellen könnte, dort zu leben. Meine Antwort darauf ließ nicht lange auf sich warten: „Ich bin Europäer!“ Ich konnte mich nicht einmal für diese Antwort rechtfertigen, der Grund für meinen Aufenthalt dort hatte sich damit erledigt!

Heutzutage hat die Formulierung, die mir seinerzeit einen Strich durch die Rechnung machte, wesentlich an Bedeutung gewonnen. Nicht zuletzt der Euro trägt in mancher Hinsicht zum einfacher gewordenen Zusammenleben innerhalb der EU bei. Damit aber der Gedanke „Ich bin Europäer“ an Selbstverständnis gewinnen kann, bedarf es noch einiger Einsichten und Vereinfachungen für die hier lebenden Menschen.

Was ich mir – zugunsten der Menschen – für unsere Zukunft in Europa wünsche, ist die eindeutige Beantwortung der Frage, die Carl Zuckmayer bereits 1930 eine seiner Theaterfiguren stellen ließ: „Is son Amt für die Menschen da  – oder die Menschen für's Amt?“  – Brüssel lässt grüßen, aber nicht nur die belgische Hauptstadt! Dass die Antwort zugunsten der Menschen ausfällt, für die letztlich die Ämter da sein sollten, wünsche ich mir. Gegenseitige Toleranz, menschliche Solidarität und soziale Verantwortung: das sind elementare Regeln des Zusammenlebens, ohne die es schwer wird, ... auch in Europa!

Der Autor, Jahrgang 1955, ist Schauspieler mit Engagements an der Berliner Schaubühne und dem Düsseldorfer Schauspielhaus.




Gustave Graas,
Generation 75



Ein geeintes Europa war schon ganz früh für mich und meine Generation in Luxemburg der einzige Weg, unsern Völkern ein friedliches und menschenwürdiges Leben zu sichern.

Ich war 15 Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht das Luxemburger Land überfiel. Mit achtzehn wurde ich, wie auch meine Altersgenossen, in den Arbeitsdienst und dann in die Wehrmacht gezwungen als Luxemburg, gegen den Willen aller Luxemburger, zu einem deutschen Gau erklärt wurde. Aus der Wehrmacht wurde ich fahnenflüchtig und im Abwesenheitsverfahren zum Tode verurteilt.

Mit der Befreiung Luxemburgs durch die Amerikaner aus diesem unseligen Sog begann für uns ein neues selbst bestimmtes Leben. Ich studierte Rechtswissenschaft in Loewen und in Paris. Dort begegnete ich Künstlern aus Spanien Deutschland Belgien und Frankreich, welche Kunst ohne Grenzen, unter dem Sammelbegriff Ecole de Paris schufen. All dieses Erlebte führte mich und meine Generation zu einer absoluten Gewissheit, dass etwas Wesentliches in unserer Welt sich ändern müsste und wir hatten die ideale Vorstellung, dass eine sichere Zukunft nur in einem geeinten Europa sein kann.

1949 gründete ich mit einem Freund die jeunesse fédéraliste européenne; große Staatsmänner wie Adenauer, Schuman, de Gasperi, Spaak und der Luxemburger Bech gaben einen verheißungsvollen Auftakt und öffneten definitiv den Weg in die Zukunft, von der wir träumten. Und seither wachsen bei den Völkern Europas und deren Verantwortlichen das Bewusstsein und die Gewissheit, dass im Respekt der nationalen Identität, ein fester Rahmen das Zusammenleben in Europa regeln soll. Ein geeintes, starkes Europa ist die größte Herausforderung die es je in unserer Geschichte gab. Unser aller Frieden, unser Leben in Würde hängt ab vom Gelingen dieser einmaligen Gelegenheit. Meine Generation glaubt fest daran.

Der Autor, Jahrgang 1924, ist ehemaliger RTL-Generaldirektor.

Viviane Reding

Lassen Sie uns die Entwicklung eines Europa weiterverfolgen, das den Frieden, die Wahrung der Grundrechte, das Wohlergehen und die Sicherheit für seine Bürger bietet; ein Europa, das zur Welt hin geöffnet, Basis für Austausch und Entgegenkommen, innovativ und kreativ für eine dauerhafte Zukunft ist; ein Europa, das es wagt, sich kulturell treu zu bleiben, indem es seine Vielfalt bestätigt und - warum nicht - indem es träumen läßt.

Die Autorin, Jahrgang 1951, ist Mitglied der Europäischen Kommission für Informationsgesellschaft & Medien.

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