Politik : Mach dich nicht größer

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Das ist das, was nicht passieren durfte, ihm nicht passieren durfte. Klaus Wowereit, der doch so sehr aus seinem Selbstbewusstsein heraus lebt. Ihm, der immer das Lebensgefühl dieser Stadt zu verkörpern sucht. Und nun – durchgefallen. Nicht alle Stimmen bekommen, obwohl er gegen vielen, gut gemeinten Rat an einer Koalition festgehalten hat, die in Deutschland ihresgleichen nicht mehr hat: Rot-Rot. Ein Auslaufmodell, das haben nicht wenige ihm gesagt. Er hat es trotzdem gemacht. Weil er glaubte, die dunkelroten Genossen seien die besseren, weil verlässlichen Bündnispartner. Nein, lautet das Urteil, und ist ein Signal.

Wowereit und seine Ambitionen – wer jetzt noch glaubt, der kühle Kalkulator sei der Mann der Zukunft in der Sozialdemokratie, der muss neu denken. Das Wahlergebnis bedenken. Kurt Beck ist es, von heute an unbestritten, schon deshalb, weil er der unumstrittene Sieger seiner eigenen Wahlen ist. Wowereit kann das nicht von sich sagen, nicht mehr. Das Ergebnis soll ihm sagen: Mach dich nicht größer, als du bist.

Niederlagen machen Politiker auch stärker, sagt man, haben sich auch immer die ganz Großen gesagt, von Willy Brandt bis zu Helmut Kohl. Aber das hier in Berlin ist eine Niederlage in einer anderen Liga. Das ist, unter dem politisch-strategischen Blickwinkel der Verbreiterung des Einflusses von Wowereit über Berlin/Berlin hinaus, ein Stimmergebnis, das ihn vom Ministerpräsidenten mit Anwartschaft auf mehr zum Bürgermeister stutzt.

Dabei geht es beileibe nicht nur um Wowereit, den Berliner. Wiewohl es paradoxerweise sein kann, dass er mit dem Makel dieser Niederlage den Berlinern noch sympathischer wird. Immerhin wissen sie, wissen wir hier, was es heißt, zu verlieren; und das kann zu einem Gemeinschaftsgefühl eigener Art werden. Dennoch ist es außerhalb der Stadtgrenzen von Bedeutung. Es schwächt Berlin in seinen Ansprüchen gegenüber anderen Ländern, wenn der, der sie vorträgt, um seine Legitimation kämpfen muss. Wer seine eigenen Leute nicht überzeugen kann, wie will der andere gewinnen, die seiner Stadt sowieso skeptisch gegenüberstehen?

Wer denkt, das sei zu zugespitzt, der verkennt, dass Politik auch menschlich, allzu menschlich ist. Auch die Ministerpräsidenten kennen ihre Gruppendynamik: gestern strahlender Held auf dem Weg ganz nach vorn, heute in der hinteren Reihe. CDU-Spitzenmann Friedbert Pflüger, der in der Stadt erst noch ankommen musste, hat seinen ersten Sieg errungen, ohne kämpfen zu müssen. Wenn es ihm nun gelingt, in der Opposition eine Koalition zustande zu bringen, eine schwarz-gelb-grüne Ampel, eine Jamaika-Koalition, dann ist das tatsächlich die Regierung im Wartestand. Womöglich nicht nur in dieser Stadt. Ja, das ist die Dimension des Geschehens. So schnell ist die Dominanz des SPD-Kandidaten im Wahlkampf vergessen.

Rot-Rot, ja oder nein? Die Linke, sprich: die PDS-WASG-Linkspartei insgesamt, kann sich jetzt der Selbstvergewisserung nicht mehr entziehen. Oskar Lafontaine war es, der ihr die Gefahren von Regierungsbeteiligungen jüngst in Berlin, auf dem Parteitag, noch einmal klar vor Augen geführt hat. Und sage keiner, dass er Wandel und Wechsel nicht herbeireden kann. Lafontaine steht nicht unverbrüchlich zum Bündnis von Berlin, und er hat Gefolgschaft, vielleicht nicht die Mehrheit, aber immer genügend Stimmen. Zwei Abweichler reichen ja.

Für den Abgang von Heide Simonis reichte einer.

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