Politik : Macht aus Klassenzimmern Bauernhöfe!

Dagmar Dehmer

Renate Künast sitzt auf einem Kirschbaum, erntet die Früchte direkt in den Mund und eröffnet einen Wettbewerb im Weitspucken. Dieses Bild aus der Kindheit taucht ziemlich spät in ihrem Buch über ihr erstes Amtsjahr als Verbraucherschutzministerin auf. Doch es beschreibt deutlicher als alle politischen Manifeste, an denen das Buch (das sie heute vorstellen wird) nicht arm ist, was Renate Künast antreibt. Sie erzählt die Szene mit spürbarem Mitleid für die Kinder von heute, die später keine solchen Erinnerungen haben werden. "Viele Kinder meinen, die Milch käme aus einer lila Kuh", schreibt sie. "Dass zur Herstellung von Wurst Tiere geschlachtet und verarbeitet werden, ist für Großstadtkinder vollkommen abstrakt."

Die Ministerin hat schnell erkannt, dass die "Einhandesser" ihre Bemühungen um eine umweltgerechte Erzeugung von Lebensmitteln untergraben. Als Einhandesser bezeichnet Künast die Menschen, die sich keine Zeit zum Essen - geschweige denn zum Kochen - nehmen und ihre Mahlzeiten als Beiprogramm absolvieren. Mit der einen Hand essen sie, mit der anderen steuern sie ein Auto oder die Fernbedienung des Fernsehers. "Nun bin ich weder politisch noch beim Essen dogmatisch", schreibt die grüne Politikerin. Deshalb glaubt sie auch nicht, dass sich die Zeit zurückdrehen lässt. Aber zumindest sicher sollen die Lebensmittel sein. Allerdings wird Künast mit ihrer Agrarwende keinen dauerhaften Erfolg haben, wenn bis in ein paar Jahren eine Generation von ausschließlichen Einhandessern herangewachsen sein wird. Manche Jugendliche geben pro Woche mehr als zehn Euro für Hamburger aus, hat Künast herausgefunden. In Deutschland feiern jährlich 300 000 Kinder ihren Geburtstag bei McDonalds. Sie haben sich bereits so sehr an den Mix aus Aromen und Geschmacksverstärkern gewöhnt, dass ihnen Salat, Gemüse oder Obst nur noch fad erscheinen.

Deshalb hat Künast im Herbst eine Kampagne auf den Weg gebracht, der Kindern und Jugendlichen den Wert von Lebensmitteln deutlich machen soll. "Bauernhöfe sollen zu Klassenzimmern werden", schreibt sie. Und die Landfrauen haben längst angefangen, Kindergeburtstage auf dem Bauernhof anzubieten. Auf der anderen Seite hat Künast einen Vertrag zwischen einem Öko-Hof in Mecklenburg-Vorpommern und McDonalds vermittelt. Die Fast-Food-Kette nimmt der Erzeugergemeinschaft Weidehof seither wöchentlich 4,5 bis 5,5 Tonnen Biofleisch ab. Warum nicht?

Nicht alle Kapitel sind so gut gelungen wie das über die Ernährung. Denn Renate Künast kann sich nicht entscheiden, was für ein Buch sie schreiben will. Sie ist immer dann gut, wenn sie ungebremst darauf los erzählt. So berichtet sie, wie ein informeller Agrarrat verläuft. "Wir hockten, nur mit einem Badeanzug bekleidet, in einem halbierten Fass, das groß genug gewesen wäre, noch zwei bis drei weitere Agrarminister (agrarministerialen Körperumfangs) aufzunehmen." Wir, das sind Renate Künast, die Neue, die zu Ostern 2001 im bitterkalten Schweden zum ersten Mal dabei ist, und ihre schwedische Kollegin Margareta Winberg. EU-Agrarkommissar Franz Fischler, der in einem Eisloch fischen war, bleibt beim dampfenden Faß stehen und trägt den Damen stolz vor, was er gefangen hat. Wie sie in solchen Passagen den Vorhang ein wenig lüftet und die Leser einlädt, einen Blick auf das internationale politische Parkett zu werfen, macht Lust auf mehr.

Leider erzählt Künast nicht durchgehend so lustig. Richtig schlecht wird das Buch dann, wenn Künast versucht, ihre historische Rolle ohne jede Distanz nachzuerzählen. In solchen Passagen langweilt sie die Leser damit, dass sie ihre eigenen Reden paraphrasiert. Renate Künast hält keine schlechten Reden, im Gegenteil. Aber es ist einfach peinlich, wenn sie sich in der Ich-Form selbst zitiert. Warum ihr die Lektoren des Econ-Verlags nicht geraten haben, ihre Reden stattdessen in einem Anhang zu veröffentlichen, ist unverständlich.

Denn Renate Künast ist nicht nur eine launige Erzählerin. Sie kann auch komplexe Sachverhalte verständlich darstellen. Selbst wenn sie mit Fakten gespickt sind, lesen sich diese Passagen wie ein gut gemachtes, populärwissenschaftliches Fachbuch. Dann lässt sie die Leser daran teilhaben, wie sie selbst es geschafft hat, sich innerhalb eines Jahres solide in ein ihr völlig fremdes Thema einzuarbeiten.

Schade, dass Renate Künast der Versuchung erliegt, sich in Politikermanier zu rechtfertigen. Denn abgesehen davon ist sie eine begabte Autorin, von der wir auch künftig Berichte über die Speisenfolge beim Agrarminister-Rat lesen wollen. Ihr erster begann ausgerechnet mit einem Stück Rindfleisch, halbroh und das mitten in der BSE-Krise. Da saß die Ministerin und betrachtete unglücklich "den ungenießbaren Gegenstand auf meinem Teller".

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