Politik : Macht der Bilder

Die CDU setzt in ihrem TV-Spot für die Bundestagswahl auf Minimalismus – die SPD lässt die sozial Schwachen der Republik zu Wort kommen.

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Berlin - Ab jetzt wird er also 8000-fach im Land rumhängen, der Peer Steinbrück, von der Großplakatfläche lächeln und dem Betrachter mit dem Zeigefinger mitten in den Blick stechen. „Sie haben es in der Hand“, steht daneben zu lesen. Falls das Motiv jemandem bekannt vorkommen sollte – jawohl, ist es. „I want you“ stand auf dem legendären Plakat, auf dem „Uncle Sam“ mit Sternenbanner-Zylinderhut anno 1917 für den Dienst in der Armee warb. Es war die Kopie eines Plakats, mit dem der britische Kriegsminister Lord Kitchener 1914 für den Dienst in der Armee warb.

Die schöne Fähigkeit zur Selbstironie ist dem Kandidaten also nicht abhanden- gekommen, außerdem stimmt es: Der Feldherr Steinbrück braucht noch viele frische Rekruten für die Schlacht am 22. September. Die Tätowierte, der massige Zimmermann und die Campingfamilie allein werden jedenfalls nicht reichen.

Die sind die Auffälligsten unter den normalen Menschen, die die SPD in ihrem Fernseh-Werbespot zu Wort kommen lässt. Die normalen Menschen sind hinter einem mobilen roten Rednerpult mit dem Kern-Slogan „Das Wir entscheidet“ aufgebaut. Meist scheint die Sonne, trotzdem sind sie nicht froh. Die Tätowierte klagt, wie schwer es sei, einen Kita-Platz zu finden. Der Zimmermann findet es nicht okay, wenn einer 40 Stunden in der Woche arbeitet „oder 37,5“ und davon nicht leben kann. Die Familie denkt beim Campingurlaub an die Rente, von der man nicht wisse, was damit werde, von der der Kinder zu schweigen. Zum Ende resümiert ein Mann: „Viele fühlen sich einfach hilflos, weil sie meinen, sie können nichts ändern.“ Schnitt. Steinbrück am gleichen Pult, ohne Sonne, dafür mit Schlips und recht grimmigem Blick. „Darum will ich Bundeskanzler werden.“ Weil, es sei etwas aus dem Lot geraten und müsse gerechter zugehen im Land.

Schluss. Sieben Sekunden Steinbrück ergeben bei parteigesetzlich erlaubten 192 Ausstrahlungen des Spots 1344 Sekunden Kandidat. Das ist so gut wie nichts gegen 17 280 Sekunden Kanzlerin. Der CDU-Spot fällt minimalistisch aus: Leeres Zimmer, schwarzes Sofa, rote Kostümjacke, Angela Merkel. Kurzer Schnitt auf Balkon, über Berliner Dächer schauend, Hände knetend. Sonst: Schwarz, Rot, Merkel. Weil das offenbar sogar der Kameramann etwas zu karg findet, wackelt er dauernd rum.

Derweil spricht die Kanzlerin sanft auf ihr Volk ein, etwas schleppend wie schlecht auswendig gelernt – aber dafür in Nahaufnahme. Porentief ist das Gesicht zu sehen, keine von den Falten ausgelassen, die im letzten Wahlkampf übereifrige Retuscheure mit Fotoshop von den Plakaten entfernt hatten. Diesmal also: Spuren der Macht. „Es gibt Momente, da steht viel auf dem Spiel“, sagt Merkel. Und dass sie dann sicher sein müsse, das Richtige zu tun. Also was? „Das Richtige ist das, was am Ende den Menschen hilft.“

Man merkt schon, in Merkels Deutschland ist nichts aus dem Lot. Jedenfalls, solange Landesmutter Angela es weiter darin halten kann. „Das darf jetzt nicht aufs Spiel gesetzt werden durch höhere Steuern und mehr Belastung!“ mahnt die sanft schleppende Stimme. Und zum Schluss, zur Belohnung, ein Lächeln: „Gemeinsam werden wir es schaffen!“

Muss man noch extra erwähnen, dass die Großplakate ebenfalls Merkel zeigen, außerdem Merkel sowie Merkel? Dabei könnte sich die CDU die Vervielfältigung ihrer Hauptattraktion eigentlich sparen. Die Konkurrenz besorgt das kostenfrei. Die Grünen haben Merkel breit plakatiert, wenn auch in unvorteilhaften Gesten und mutmaßlich zweifelhafter Gesellschaft (Philipp Rösler, Thomas de Maizière, Wolfgang Schäuble).

Das hat anderen so gut gefallen, dass sie so was jetzt auch mal versuchen. Es gibt infolgedessen eine Postkarte, die Merkel im Fußballstadion beim freudigen Händeschütteln mit Uli Hoeneß zeigt. „Glückwunsch, Uli, wir steuern das schon“ steht hinten drauf. Das Copyright hat der Polit-Grafiker Klaus Staeck. Die SPD-Zentrale besteht auch darauf, dass es sich nicht um eine amtliche sozialdemokratische Verunglimpfung handele. Verteilen sollen die Postkarte aber die Jusos – die dafür also kurz nicht ganz amtlich sozialdemokratisch sind –, und zwar vor Fußballstadien, in denen Bundesliga- Mannschaften Spiele austragen, deren Fans den Präsidenten von Bayern München generell für eine ganz, ganz schlechte Gesellschaft halten.

Die CSU hat die Aktion als Beweis für „Panik“ in der SPD-Kampa gegeißelt, und der FDP-Mann Wolfgang Kubicki hat von Steinbrück deren Stopp verlangt sowie ersatzweise von den Jusos, die Postkarte, wenn sie denn „einen Arsch in der Hose“ hätten, dann auch vor der Münchner Allianz-Arena zu verteilen. Vom Kandidaten und seinen jugendlichen Hilfstruppen ist keine Reaktion bekannt. Sie liefe womöglich ja auch bloß auf ein Merkel-Zitat hinaus: „Es gibt Momente, da steht viel auf dem Spiel.“ Robert Birnbaum

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