Politik : Macht des Glaubens, Glaube der Macht

PAPST GEGEN DEN KRIEG

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Von Bernd Ulrich

Die Zukunft der Menschheit in diesem Jahrhundert wird weder moslemisch noch atheistisch, noch protestantisch – sie wird katholisch sein. Schon in wenigen Jahrzehnten wird die Kirche des Papstes zur mit Abstand größten Religionsgemeinschaft der Erde. Und das eher nicht, weil im Westen eine fulminante ReChristianisierung einsetzen würde sondern vielmehr, weil sich die Menschen in Südamerika, in Afrika und in Südostasien so vermehren. Die Welt wird also katholischer, während der Katholizismus selbst südlicher, fundamentaler, vielleicht auch fundamentalistischer wird.

Der Papst weiß natürlich darum. Er sieht die Welt schon längst nicht mehr nur mit seinen alten, polnischen, antikommunistischen Augen, sondern immer mehr auch mit den jungen Augen der Dritten Welt. So ist sein aktueller Appell zu verstehen, einen Krieg im Irak zu vermeiden. Johannes Paul II. empfindet einen gigantischen, teuren, monströsen Krieg gegen einen Diktator angesichts der Probleme der südlichen Halbkugel als völlig unproportional. Hier spricht er als eine der wenigen Stimmen, die der Süden in der globalen Öffentlichkeit überhaupt hat. Der Papst hat aber auch als christliche Stimme das Wort ergriffen – als die einzige, die auf ein weltweites Echo hoffen kann. Darum hat er dem kommenden Krieg des George W. Bush seinen christlich-missionarischen Anspruch genommen.

Dieser Krieg wird keiner zwischen Christentum und Islam sein, das hat er mit seiner Autorität klargestellt. Und keiner zwischen Gut und Böse, kein heiliger: „Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal und bedeutet immer eine Niederlage für die Menschheit.“ Damit meint der Papst nicht, dass man niemals Krieg führen darf. Doch kann, aus seiner Sicht, ein Christ nur mit gesenktem Haupt in den Krieg ziehen, im klaren Bewusstsein seiner moralischen Niederlage – auch im Fall eines militärischen Sieges.

Der US-Präsident hingegen versucht mit beträchtlichem ethischen Aufwand, stolz und mit aufgepflanztem moralischen Bajonett gen Bagdad zu ziehen. Als Kriegsherr muss er das, als Christ darf er es nicht. Ihn leitet weniger die Macht des Glaubens als der Glaube der Macht. Vielleicht lässt sich ein Krieg gegen Saddam mit kalten realpolitischen Argumenten irgendwann rechtfertigen. Auf höheren Beistand kann er sich nicht berufen.

Ebenso wenig können das, auch nach den Papst-Worten, die politischen Gegner eines Irak-Krieges. Gestern berief sich der Bundeskanzler auf den Papst. Das sollte er lieber lassen. Johannes Paul II. spricht als Moralpolitiker gegen einen allenfalls realpolitisch begründbaren Krieg. Schröder muss seine Gegnerschaft in der Sphäre der Realpolitik begründen. Was ihm nicht leicht fällt.

Ohnehin wirkt es bigott, wenn sich in diesen Tagen lauter Instant-Papisten zu Wort melden, nur weil der Papst die schärfsten Worte gegen den Krieg richtet. Denn er tut das aus der tiefen, oft geäußerten Sorge heraus, dass der Mensch sich immer stärker zum Herren über Leben und Tod macht. Johannes Pauls massive Opposition gegen den Krieg lässt sich ohne seine Appelle gegen Abtreibung und Euthanasie wie auch gegen die Gentechnik weder erklären noch rechtfertigen. Wer in diesen existenziellen Fragen nach den Kriterien individueller Interessenpolitik entscheidet, der kann sich nicht in Sachen Krieg vom Papst Emphase leihen.

Und dann ist da noch etwas, das Johannes Pauls Appelle auszeichnet. Krieg als letztes Mittel fast ganz auszuschließen, bedeutet, Leid und Unfreiheit ertragen zu können. Es heißt, dass man in jeder noch so verzweifelten Lage ein freier Christenmensch bleiben kann, weil einen der Glaube stützt. Johannes Paul II., der weltöffentliche Schmerzensmann, der polnische Patriot gegen den Kommunismus, verkörpert diesen Mut. Und diese Leidensbereitschaft. Wer auch solche Kraft hat, der hänge als erster ein „Kein-Blut-für-Öl“-Transparent aus seinem Fenster.

Dieser Papst lässt sich nicht einreihen in tagespolitische Fronten. Johannes Paul bleibt Provokation, für Kriegsgegner und für Kriegsbefürworter. Für letztere erst recht. Er bleibt ein Solitär, kein Unfehlbarer, aber ein Unübersehbarer, Unüberhörbarer. Er ist eben so wie die christliche Botschaft selbst.

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