Machtkampf in der AfD : Frauke Petry, die Besessene

Der Freund und Parteikollege preist ihre dämonische Schönheit, Parteikader nervt Frauke Petrys unbändiger Ehrgeiz. Nie war die AfD-Chefin so umstritten wie jetzt – doch auf den Machtkampf ist sie vorbereitet.

von
Freunde oder Feinde? Der Landesvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) in Brandenburg, Alexander Gauland (l.) und die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry am Sanstag in Kremmen. Foto: dpa
Freunde oder Feinde? Der Brandenburger AfD-Vorsitzende Alexander Gauland und die Bundesvorsitzende Frauke PetryFoto: dpa

Am Ende stehen die beiden nicht Hand in Hand, aber nahe beieinander. Sie sehen aus wie ein Turnier-Tanzpaar nach ihrem finalen Auftritt. Er mit verschwitztem Hemd und nassen Haaren, sie im dunkelblauen Kleid und hochhackigen Schuhen um Atem, Contenance und ein strahlendes Lächeln bemüht. Donnernder Applaus, Standing Ovations und Gejohle aus dem Publikum sind die Noten, die sie für ihren Auftritt erhalten an diesem späten Freitagabend in einem völlig überfüllten Saal in Nauen, Brandenburg, bei einer Veranstaltung mit dem Titel: „Ist Deutschland noch zu retten?“

Wie dieses Paar funktioniert und dass es den Anspruch erhebt, unverzichtbarer Bestandteil der Alternative für Deutschland (AfD) zu sein, kann man hier gut beobachten. Marcus Pretzell, Europaabgeordneter und Landesvorsitzender des mitgliederstärksten Verbandes in Nordrhein-Westfalen und Frauke Petry, Bundesvorsitzende und Chefin des Landesverbandes Sachsen, sind auch privat ein Paar. Beide bringen vier Kinder in die Lebensgemeinschaft ein – beide wollen die AfD in den Bundestag führen. Wenn man sie lässt.

Schließlich fragen sich ja jetzt einige eher: Ist die AfD nach den Ereignissen der letzten Tage noch zu retten?

Am Fuße der Bühne erklärt Pretzell den verbliebenen Gästen noch einmal persönlich die Welt, unter ihnen Polizisten, schwule Pärchen, national Gesinnte, streng gläubige Christen und sehr viele Menschen über 60 Jahre. Vier Holzstufen weiter oben wartet Petry wie ein Popstar darauf, dass die Bodyguards jeweils eine Person vorlassen aus einer Schlange, in der die Bürger artig warten, um Selfies mit der Spitzenfrau der AfD zu machen.

Nach 30 Minuten disziplinierter Höflichkeit steht Frauke Petry, 41 Jahre, gegen 21 Uhr noch in der hintersten Ecke in ein Gespräch vertieft. Sie redet über den Machtkampf in der AfD. Zwei Stunden lang hat sie sich dazu keine Emotion anmerken lassen, hat das Thema so gut es ging ausgeblendet, hat wie so häufig die Schuld bei anderen gesehen und gesagt: Man dürfe öffentlich nicht über Interna reden, einige Kollegen aber müssten das noch lernen. Doch jetzt bricht Etwas aus ihr heraus, das sie offensichtlich sehr bewegt. Die wollen „mich verbrennen“. Die – damit meint sie ihre Parteifreunde.

Nach der vergangenen Woche scheint es möglich zu sein, dass die AfD vor ihrem größten politischen Triumph, das wäre der Einzug in den Deutschen Bundestag, doch noch zerbrechen könnte: an persönlicher Hybris? An einem internen Krieg, der aus nichts anderem gespeist zu sein scheint als persönlicher Antipathie? Ist ausgerechnet die AfD-Vorsitzende, selbst sehr gut geschult in der Kunst der Intrige, bald die Erledigte?

In dieser Woche wollte sie den Konflikt um den mit antisemitischen Schriften aufgefallenen Abgeordneten Wolfgang Gedeon im baden-württembergischen Landtag persönlich klären. Der Versuch endete in einem Showdown mit ihrem Co-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen, auch Landes- und Fraktionschef. Der Bundes-Vize soll Petry sogar eigenhändig aus der Fraktion geschoben haben. Petry dagegen erzählt, dass sie aus der Fraktion bekniet worden sei zu kommen, um den Dauerkonflikt zu beenden.

In Wahrheit haben die wichtigsten Protagonisten der Partei immer schon gegeneinander agiert und dabei gern mal die Seiten gewechselt. Frauke Petry ist das gewohnt, vor einem Jahr war sie es, die in der Allianz gegen den Gründer und Ex-Parteichef Bernd Lucke zur Siegerfraktion gehörte. Schon vor dem Konflikt in Baden-Württemberg, der sich darum drehte, ob Gedeon auszutreten hat oder nicht, hatte sich mal wieder solch ein Bündnis gefunden: Brandenburgs Landeschef und stellvertretender Bundesvorsitzender Alexander Gauland, Thüringens AfD-Chef Björn Höcke und Meuthen hatten sich mit Journalisten getroffen, um ihnen zu erzählen, was Petry alles falsch mache. Und dass Petry, wegen ihres Eigensinns, vielleicht die Falsche sei. Wer sich dann bei Parteifunktionären umhörte, erfuhr, dass Petry immer mehr fremdgesteuert erscheine und dass sie im Vorstand oft sage: Fragt den Marcus.

Vielleicht zerstört dieser merkwürdige Machtkampf die Erfolgschancen dieser Partei. Vielleicht ist er den Anhängern aber auch ziemlich egal.

In Nauen, wo schon der Generalsekretär der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) auf AfD-Einladung sprach, zeigt sich, worin die eigentliche Anziehungskraft der Partei besteht: Sie deckt mit ihren Themen und Thesen von extrem rechts bis zur gemäßigten Mitte alles ab. Von der Europapolitik, der Familienpolitik bis zur Genderdebatte ist alles dabei. Petry ist diejenige, die der wachsenden Staats- und Parteienskepsis ein populäres Gesicht gibt. Das sagen auch Gauland, Meuthen oder Höcke. Sie alle wissen, dass sie selbst keine Alternative sein können. Der eine ist zu alt, der andere will aus familiären Gründen nicht einmal in den Bundestag, und der Dritte repräsentiert nur die Rechtsaußen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

46 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben