Politik : Machtkampf in Jugoslawien: Der alte Chef wird weiter über alles informiert

George Jahn

Einst war er die gefürchtete Schaltzentrale des Machtapparats von Slobodan Milosevic, der Staatssicherheitsdienst. Noch ist ungewiss, ob die berüchtigte jugoslawische Geheimpolizei dem gestürzten Autokraten die Treue hält oder sich zum neuen Staatspräsidenten Vojislav Kostunica bekennt. Seine Gefolgsleute im Geheimdienst würden Milosevic nach wie vor Bericht erstatten, verrät ein Oberstleutnant. Aber die Zahl seiner Anhänger schrumpfe.

"Der frühere Chef wird noch regelmäßig über alle Ereignisse informiert", erzählt der Offizier, der anonym bleiben möchte. Diese Informationen würden sich auf die Strategien der prodemokratischen Kräfte um Kostunica konzentrieren. Beobachter vermuten, dass Milosevic und seine Frau Mirjana Markovic Pläne für ihre Rückkehr an die Macht schmieden. Dabei könnte der Geheimdienst eine entscheidende Rolle spielen. Dessen Kommandeur Rade Markovic hat sich noch immer nicht öffentlich zu Kostunica bekannt.

Erst vor wenigen Tagen räumte Kostunicas wichtigster Berater Zoran Djindjic ein, dass das Bündnis der ehemaligen Oppositionsparteien keine Kontrolle über die Geheimpolizei habe. Markovic befehligt unter anderem eine Anti-Terror-Spezialeinheit, deren Loyalität nicht offenkundig ist. Der Staatssicherheitsdienst - mehrere tausend hauptamtliche und eine große Anzahl informeller Mitarbeiter - ist nach Ansicht von Insidern in drei Gruppen gespalten: Die einen arbeiten mit den demokratischen Kräften zusammen, die anderen bleiben dem gestürzten Milosevic treu. Wieder andere halten sich zurück und scheinen die weitere Entwicklung abwarten zu wollen.

Der frühere Chef der Belgrader Kriminalpolizei, Marko Nicovic, glaubt, dass sich selbst unter den Leibwächtern, die das ehemalige Präsidentenpaar in seiner Villa bewachen, eine Milosevic-kritische Gesinnung ausbreite. "Sie haben Befehle vom General, und sie führen sie aus, aber sie glauben nicht wirklich an ihren Job", sagt Nicovic, der 1992 aus Protest gegen das Milosevic-Regime zurückgetreten war. Die Zeit, so die Ansicht des Geheimdienstoffiziers, arbeitet gegen Milosevic. Wenn dessen Gefolgsleute aus dem Innenministerium und der Polizei entfernt seien, dann werde auch ihre Zahl in den Reihen des Staatssicherheitsdienstes weiter sinken.

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