Politik : Machtkampf in Jugoslawien: Die verspätete Revolution (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Wäre das alles vor zehn Jahren passiert, als anderswo die Regimes stürzten - dem Balkan wären vier Kriege erspart geblieben und dem serbischen Volk Isolation und Not. Nun endlich scheint sich das Volk vom Diktator befreien zu können, es stürmt das Parlament, ruft mit wehender Trikolore von den Portalen die Republik aus. Wenige Stunden zuvor hatte Slobodan Milosevic das Fernsehzentrum von Scharfschützen besetzen lassen. Wer die Medien kontrolliert, der bestimmt die politische Wirklichkeit. So hat es über Jahre funktioniert. Doch am Abend hatte die Protestbewegung dem Diktator auch die Kontrolle über die Propagandazentrale abgejagt. Der Sender war verstummt und brannte. Draußen verbrüderten sich weinende Polizisten mit Demonstranten. Auch sie haben Kinder, die auf eine bessere Zukunft hoffen.

Doch das war noch nicht Milosevics letzter Trumpf. Panzer fuhren im Zentrum von Belgrad auf. Die Armee gegen die Republik? Oder läuft auch sie über? Der Ausgang dieser verspäteten Revolution ist noch nicht entschieden. Bisher war Milosevic der Opposition immer einen Schritt voraus. Erst gestern hat sich das Hase-und-Igel-Spiel umgedreht. Aber wer sieht das? Die Bilder aus Belgrad sind mitreißend - für den, der sie sehen kann. Das Ausland ist live dabei. Nicht aber die Serben, die nicht in Belgrad an den Massenprotesten teilnehmen. Seit der Erstürmung des Senders bekommen sie keine Bilder mehr zu sehen - auch nicht mehr die von Milosevic verordneten. Aber bräuchte jetzt nicht die Opposition das einzige landesweite Massenmedium, um die Armee zu überzeugen, dass sie den Diktator nicht mehr schützen darf? Um zu erreichen, dass er nirgends mehr Unterstützung findet, auch nicht in den Provinzkasernen?

Massenmedien können das Schicksal eines Aufstands entscheiden. Wie in Rumänien 1989. Erst, als das Fernsehen berichtete - anfangs das jugoslawische, das man in West-Rumänien empfangen kann, dann das rumänische -, wuchs der Widerstand in Temeschwar zur nationalen Revolution. Als die Hinrichtung der Ceausescus übertragen wurde, brach die Gegenwehr der Securitate zusammen.

Milosevic hat in den letzten Tagen eine Stütze nach der anderen verloren. Sein Koalitionspartner Seselj rückte von ihm ab und auch die orthodoxe Kirche. Den Streik der Bergleute von Kolubara wollte er durch die Polizei brechen lassen, aber die Demonstranten waren schneller und schützten das Bergwerk, von dem die Stromversorgung Belgrads abhängt, vor den Sturmtruppen der Konterrevolution. Der regimetreue Gewerkschaftsbund schloss sich der Opposition an. Im Fernsehen stellten sich Hunderte, die bisher das Lob des Diktators besungen hatten, gegen ihn. Die Polizei ist nicht mehr bereit zu schießen.

Mehrmals schien es, als führe die Opposition den entscheidenden Schlag. Doch der Autokrat gibt nicht auf. Er findet immer neue Optionen, Tricks, Finten - und immer noch loyale Paladine. Die Opposition gewinnt eine Runde nach der anderen, aber sie darf keinen Erfolg auskosten, muss unermüdlich weiterkämpfen, ohne zu wissen, wann sie siegt, ob sie am Ende siegt. Milosevic ist immer schon in der nächsten Runde und wendet den Etappensieg der Gegner zu seinen Gunsten: Bei der Wahl soll es zu Fälschungen gekommen sein? Er lässt sie vom Verfassungsgericht für teilweise ungültig erklären. Die Stichwahl gegen Vojislav Kostunica lässt sich nicht erzwingen? Dann lässt er die ganze Wahl annullieren. Schließlich war er ohnehin bis Juni 2001 gewählt. Auf die Polizei ist kein Verlass mehr? Da bleibt noch die Armee.

Jetzt aber ist die Opposition dem Diktator voraus. Er hat weder das Parlament noch das Fernsehen. Ihm bleibt nur noch die Hoffnung auf die Panzer gegen Hunderttausende auf den Straßen von Belgrad - oder die Flucht nach Moskau. Gute Reise, Slobodan Milosevic.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben