Politik : Machtverfall und Finanz-Chaos

MOSKAU/BERLIN (AFP/Tsp).Die russische Finanzkrise hat sich am Donnerstag mit der vorläufigen Aussetzung des Rubel-Handels und wachsenden Zweifeln an der Handlungsfähigkeit des Kreml drastisch verschärft.Das russische Parlament forderte im Zuge der Regierungsneubildung, die Machtbefugnisse von Präsident Jelzin zu beschneiden.Zugleich kursierten an den Finanzmärkten Gerüchte über eine neue Erkrankung Jelzins.Offen wurde in Moskau über dessen Rücktritt spekuliert.Die russische Zentralbank stoppte den amtlichen Rubel-Handel wegen drastischer Verluste der Landeswährung vorerst gänzlich.Die Folge waren massive Kursverluste an den Weltbörsen.

Jelzin ließ am Donnerstag Forderungen nach einer Beschneidung seiner Macht zugunsten des Parlaments als übertrieben bezeichnen.Sein Vertrauter und Sprecher Jastrschembski sagte, diese Forderungen einer vom Kreml gebilligten Dreier-Kommission seien "eindeutig übertrieben".Dagegen sagte der Vorsitzende der liberalen Partei Unser Haus Rußland (NDR), Alexander Schochin, Jelzin werde sich künftig nicht mehr in die Politik der Regierung einmischen dürfen.Jastrschemsbki wiederum wies auch Gerüchte über einen möglichen Rücktritt Jelzins als "absolut müßiges Gerede" zurück.Jelzin hielt sich trotz der schweren Finanzkrise in seiner Residenz Rus auf.Die aus Vertretern beider Parlamentskammern und der geschäftsführenden Regierung bestehenden Kommission hatte sich nicht nur für die Verlagerung von Kompetenzen des Präsidenten zum Parlament ausgesprochen, sondern auch vorgeschlagen, die Notenpresse anzuwerfen und strategisch wichtige Unternehmen zu verstaatlichen.

Mit dem Handelsstopp reagierte die russische Zentralbank auf neuerliche schwere Wertverluste der Landeswährung.Gleich zu Handelsbeginn hatte sich ein Kursrutsch von fast elf Prozent auf 8,8 Rubel je Dollar ergeben.Derweil verlor der Dax im Frankfurter Parketthandel zwischenzeitlich mehr als vier Prozent oder 200 Punkte und kratzte gegen Mittag an der psychologisch wichtigen Marke von 5000 Punkten.Am Nachmittag erholte er sich wieder leicht.Auch die Börsen London, Paris und New York verloren zwischen zwei und drei Prozent.

Der designierte russische Regierungschef Tschernomyrdin, der am Mittwoch überraschend in der Ukraine mit IWF-Direktor Camdessus zusammengetroffen war, hat bei dem Treffen nach eigenem Bekunden keine neuen Kredite vom Internationalen Währungsfonds gefordert.Der IWF hatte Rußland bereits ein Hilfspaket im Wert von 22,6 Milliarden US-Dollar vermittelt.Am Donnerstag verlautete zudem, Tschernomyrdin und der mögliche Präsidentschaftskandidat Lebed seien sich einig über Mittel zur Überwindung der Krise.Er habe mit Tschernomyrdin viele Fragen in bezug auf die Wirtschafts- und Finanzkrise besprochen, sagte Lebed am Donnerstag.Sie hätten sich dabei insbesondere auf konkrete Maßnahmen für die Region Krasnojarsk geeinigt, wo Lebed seit Mai als Gouverneur regiert.Sowohl Lebed als auch Tschernomyrdin gelten als mögliche Präsidentschafts-Kandidaten für das Jahr 2000.

Bundeskanzler Kohl (CDU) äußerte sich am Donnerstag in Berlin besorgt über die russische Krise.Ohne Reformen könne Rußland kein weiteres Geld bekommen, "auch nicht deutsches Geld".

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