• Machtwechsel in der PDS: "An die Seele der Partei wurde nicht gedacht" - Ein Gespräch mit der die künftigen PDS-Chefin

Politik : Machtwechsel in der PDS: "An die Seele der Partei wurde nicht gedacht" - Ein Gespräch mit der die künftigen PDS-Chefin

Frau Zimmer[Sie kommen gerade von einem Treffen m]

Gabriele Zimmer (45) wird künftig an der Spitze der PDS stehen. Zurzeit ist sie noch Fraktionschefin ihrer Partei im thüringischen Landtag.



Frau Zimmer, Sie kommen gerade von einem Treffen mit Michael Benjamin, dem Vertreter der Kommunistischen Plattform im PDS-Parteivorstand. Werden es die Kommunisten in der PDS unter einer Vorsitzenden Zimmer leichter oder schwerer haben?

Schwerer werden es alle haben, die Auseinandersetzungen in der PDS mit großem Getöse führen, ohne dass dies für die Mitglieder noch fassbar ist.

Sie wünschen sich eine harmonischere PDS?

Was heißt harmonisch? Ich wünsche mir eine Partei, in der es streitbar zugeht, in der auch Unterschiede deutlich benannt werden. Aber in allererster Linie muss diese Partei wissen, dass es eine Gemeinsamkeit gibt. Sonst kann sie sich wirklich atomisieren.

Hört sich sehr nach Krise an...

Die jetzige Situation trägt krisenhafte Züge - selbst wenn viele Mitglieder in den Basisgruppen und in den Landesverbänden das nicht so wahrnehmen. Doch wir müssen auch bundespolitisch, in der Vertretung nach außen, unsere Probleme in den Griff bekommen, sonst werden wir irgendwann zum Auslaufmodell.

Wie wollen Sie das anstellen?

Wir müssen nachweisen, dass die PDS in der Bundesrepublik gebraucht wird - nicht als Selbstzweck, sondern als Gegenbewegung zur herrschenden Politik. Aber seit Monaten fällt es uns immer schwerer, bundesweit gemeinsame Aktionen zu vereinbaren, als PDS erkennbar zu werden.

Gregor Gysi fehlt schon?

Das würde ja bedeuten, die Wahrnehmbarkeit der PDS auf Gregor Gysi zu reduzieren. In den Wahlkämpfen waren wir sehr wohl über die Mitgliedschaft präsent, wir waren auch bundespolitisch koordiniert und organisiert. Diese Koordinierung fehlt uns im Moment, das müssen wir wieder auf die Reihe bekommen.

Derzeit schreiben viele Ihrer Genossen theoretische Papiere, niemand trägt die Ideen nach außen.

Es reicht nicht, auf eine Pressemitteilung oder eine Veröffentlichung im Neuen Deutschland zu setzen. Wir müssen lernen, die Inhalte in öffentlichkeitswirksame Aktionen umzusetzen. Ich wünsche mir die PDS als Projektpartei.

Freuen Sie sich auf Ihren ersten großen Talkshow-Auftritt?

Warum denn nicht?

Angst vor dem Wechsel in die Bundespolitik haben Sie nicht?

Natürlich habe ich mich vor der Kandidatur gefragt, ob der Parteivorsitz die richtige Aufgabe für mich ist. Das ist doch ganz normal. Aber ich nehme die Herausforderung entschlossen an.

Sie haben schon den Ruf "Integrationstante".

Integrieren bedeutet nicht, etwas glattzubügeln. Für mich hat Integrieren einen produktiven Anspruch, nämlich zu versuchen, die Stärken und das Gemeinsame zusammenzuführen, und nicht ständig das Trennende in den Vordergrund zu stellen.

Die Reformer sollten die Machtfrage nicht stellen?

Was heißt denn Machtfrage?

Die Forderung hat Gysis Vertrauter Dietmar Keller erhoben.

Die PDS wird in einen Überlebenskampf zurückgleiten, wenn sie weiter nur Nabelschau betreibt. Ich bin gegen einen internen Machtkampf und für den Pluralismus. Wir müssen zur Politik zurückkehren. Die PDS soll ihre Kraft darauf richten, an Einfluss in der Gesellschaft zu gewinnen, und nicht auf interne Machtkämpfe, bei denen alle nur verlieren werden.

Reizt es Sie, im Bund mitzuregieren?

Natürlich wäre es reizvoll, unsere Positionen in einem Mitte-Links-Block einzubringen. Bei Fortführung der jetzigen rot-grünen Politik sehe ich dafür aber aus heutiger Sicht 2002 keine Chance.

Wohin wollen Sie die PDS führen?

Die PDS muss auf ihrem Parteitag im Oktober in Cottbus zeigen, dass sie ihren Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft im Hier und Heute definiert.

Also Abschied nimmt von der Utopie?

Nein, den Brückenschlag zur Utopie versucht, zwischen Hier und Heute und der Zukunft. Den Brückenschlag, nicht den Spagat. Beim Spagat gibt immer jemand etwas auf, das ist immer schmerzhaft. Ohne das Hier und Heute gibt es überhaupt keine Chance für eine Utopie. Wir müssen aufhören, uns endlich vorzuwerfen, dass unser Tun gegeneinander gerichtet ist.

Den Brückenschlag in die Gesellschaft wollten auch Gysi und Bisky.

Bei allen Versuchen, in der Öffentlichkeit für die Akzeptanz der PDS zu kämpfen, ist vergessen worden, dass für Reformalternativen und politische Angebote auch die eigene Partei gebraucht wird. Dieses Werben in der eigenen Partei ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Und daraus resultiert Misstrauen.

Das heißt, es gibt einen Spagat zwischen der Partei und ihren Führungsleuten?

Durchaus. Die Partei wurde oft zu wenig in die Lage versetzt, die Haltung der Führung nachzuvollziehen. Es wurde zu wenig an die Seele der Partei gedacht.

Was heißt das jetzt für die laufende Programmdebatte?

Wir werden schrittweise an der Überarbeitung des jetzigen Programms arbeiten. Vieles im Programm ist nach wie vor gültig, manche Fragen sind ausgeblendet, andere nur unzureichend beantwortet. Ich strebe an, dass wir im Laufe des nächsten Jahres einen ersten Entwurf für die Überarbeitung des Programms hinbekommen.

Wie wollen Sie die West-Ausdehnung vorantreiben?

Wir brauchen mehr Geduld. Wir müssen sorgfältig mit den Leuten umgehen, die für die PDS im Westen agieren.

Ihre Parteifreundin Christine Ostrowski, die für eine PDS als Ost-Partei antritt, bekommt contra?

Ja, klar. Allein das Suchen nach Promis wird nicht weiterhelfen, um den West-Aufbau zu befördern. Wir müssen uns Zeit nehmen für den schwierigen Weg von unten.

Haben Sie manchmal schlaflose Nächte?

Manchmal schon.

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