Es braucht positive Vorbilder für heranwachsende Männer

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Männliches Selbstbild in der Krise : Wir brauchen einen Feminismus für Männer
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Dieses Aufbegehren der Männer hat in den letzten Jahren immer wieder zu Debatten über den „alten, weißen, heterosexuellen Mann“ geführt, der mittlerweile vielen als Feindbild dient. Doch er ist eine Fiktion. Er ist ein Stereotyp und verbildlicht einen Typ Mann, der sich der vorherrschenden Auffassung der Männlichkeit verschrieben hat und sie gegen jegliche Angriffe zu verteidigen versucht. Er ist eine Krücke der Argumentation. Auch in diesem Text. Seine toxische Männlichkeit ist aber allzu real. Es darf nicht über einen Kamm geschert werden: Einige Männer zerstören, provozieren, diskriminieren; andere unterstützen, besänftigen, schützen. Wenn radikaler Feminismus in Männerfeindlichkeit umschlägt, hat das nichts mehr mit Emanzipierung zu tun, sondern mit Stigmatisierung.

Die Kunst liegt darin, zu erkennen, dass die meisten Männer richtig nette Kerle sind, dass die meisten Sexisten, Vergewaltiger, Mörder und Schläger aber eben auch Männer sind. Es zeigt, dass nicht der Mann an sich das Problem ist, sondern das falsche Verständnis davon, was ein Mann zu sein hat. Dagegen gilt es vorzugehen.

Floyd Dell hatte Recht, der Feminismus steht auch im Dienste des Mannes, denn er will ein Gleichgewicht etablieren, keine Herrschaft der Frauen auf Kosten der Männer. Und wenn Männer nicht mehr in der Hierarchie über Frauen stehen, können sie auch nicht mehr fallen, können nicht mehr „entmannt“ werden.

Stärkung und Ermutigung von innen

Grayson Perry rät den Männern deshalb: „Men, sit down for your rights!“ – Männer lehnt euch zurück für eure Rechte, lasst die Gleichstellung zu. Doch wird das so auch aufgenommen, oder zerschellt der Wunsch am männlichen Starrsinn? Der Feminismus kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, den Mann aus seiner Bewusstseinskrise zu führen. Der Feminismus kennt den inneren Zwiespalt – nicht jede Frau ist Feministin –, weiß, wie langsam die Mühlen des Fortschritts mahlen und weiß, wie man sich nicht davon unterkriegen lässt. Aber es braucht auch die Stärkung und Ermutigung von innen, von den Männern.

Die gegenwärtigen Männerrechtsbewegungen können das nicht leisten, denn sie bekämpfen eher die Rechte der Frau, als dass sie die Rechte der Männer fördern. Gleichzeitig braucht es eine Stärkung der männlichen Rechte, aber der richtigen: das Recht auf Schwäche, das Recht auf Anderssein. Männlichkeit muss durch Männlichkeiten ersetzt werden. Auch der weiße, heterosexuelle Mann kann weiterhin existieren, aber bitte nicht als Werkseinstellung der Männlichkeit.

Wenn es keine positiven Vorbilder für heranwachsende Männer gibt, dann werden sie sich an den negativen orientieren und auch sie werden sich irgendwann in einer Sackgasse – no pun intended – wiederfinden. Sie werden an den Anforderungen, die an sie gestellt werden, verzweifeln, denn sie sollen einerseits ihren Mann stehen und das gesammelte Manneswissen an ihre Nachkömmlinge weitergeben, gleichzeitig aber auch eine feinfühlige Distanz dazu aufbauen. Für diesen Spagat braucht der Mann kein Mitleid, sondern Hilfe.

Die Vorteile von Empathie und Sensibilität

Die Krise des Mannes kann nur durch die Emanzipierung des Mannes von sich selbst überwunden werden. Der Feminismus hat es Frauen ermöglicht, in Männerdomänen vorzustoßen und Attribute der Männerwelt für sich zu beanspruchen. Jetzt muss es dem Mann gelingen, auch die Vorteile von Empathie oder Sensibilität zu erkennen, die er bisher als rein weibliche Wesenszüge verschrien hat. Wenn das gelingt, wäre schon viel erreicht. Der ewig währende Geschlechterkampf würde entschärft. Und, wer weiß, vielleicht würde endlich auf beiden Seiten begriffen, dass die Zukunft weder männlich noch weiblich sein muss.

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