Männer finden kein Ventil für ihre Emotionen

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Männliches Selbstbild in der Krise : Wir brauchen einen Feminismus für Männer
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Dieser Glaube führt dazu, dass viele der heutigen Wesenszüge des Mannes sich nicht sonderlich von denen von vor 100 Jahren unterscheiden. Die Männlichkeit ist ein in sich geschlossenes Wertesystem. Mut, Härte, Kraft und ein eiserner Wille zählen dazu; Schwäche nicht. Dieser Irrglaube tötet Männer tagtäglich. Fast jedes Land der Welt erlebt derzeit eine männliche Selbstmordepidemie. In Deutschland ist die Suizidrate unter Männern dreimal höher als die unter Frauen – obwohl Frauen oftmals ein deutlich höheres Risiko haben, an einer Depression zu erkranken.

Die Erklärungen sind mannigfaltig, Psychiater sind sich aber einig, dass die „Festung Mann“, die emotionale Verschlossenheit und die Tabuisierung der Schwäche, ein Hauptgrund sein dürfte. Gleiches gilt für die grassierende Alkoholsucht und das gewalttätige Verhalten vieler Männer. Es sind Symptome dessen, was der britische Autor Jack Urwin als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet. Urwin argumentiert in seinem Buch „Boys don't cry“, dass es neben der aktiven Männlichkeit – dem Imponiergehabe – auch eine passive Männlichkeit gibt, die sich durch das Stillschweigen über die persönlichen Ängste und Probleme bemerkbar macht.

Das gesunde Selbstwertgefühl, das der Feminismus für Frauen schafft, hat immer noch kein männliches Pendant gefunden. Männer haben Probleme. Sie sind Menschen, es ist normal. Sie finden allerdings in vielen Fällen kein Ventil für ihre Emotionen und verharren in ihrem Schmerz, der sie antreibt, ihre Hypermaskulinität auf die Spitze zu treiben. Es ist an der Zeit, dass der Mann sich emanzipiert – von sich selbst.

Wozu heute noch körperliche Kraft im Berufsleben?

Doch statt mit dem Wandel zu gehen, flüchten sich viele Männer in ein trügerisches Selbstverständnis. Sie wollen oder können nicht akzeptieren, dass die traditionellen Rollen der Männlichkeit – der Krieger, der Patriarch, der Don Juan – enorm an Bedeutung eingebüßt haben. Wie Grayson Perry konstatiert, scheint der weiße, heterosexuelle Mann immer noch zu glauben, der Nullmeridian der Geschlechteridentitäten zu sein: Alle anderen orientieren sich an ihm. Mit der Konsequenz, dass es keine Männlichkeit jenseits der heteronormativen geben kann. Ein Trugschluss mit gefährlichen Folgen. Doch all das Brustgetrommel kann den Abgesang nicht übertönen.

Der Mann ist nicht mehr Herr über die Welt. Er ist nicht einmal mehr Herr über die eigenen Umstände. Die Welt wartet nicht darauf, dass er sich an die neuen Realitäten anpasst. Attribute der Männlichkeit wie etwa körperliche Kraft und emotionale Härte wirken heute anachronistisch. Sie sind für die Gesellschaft meist so nützlich wie der Blinddarm für die Verdauung – ein funktionsloses Relikt. Zeitgleich erhöhen die voranschreitende Gleichstellung der Geschlechter und die Automatisierung vieler Arbeitsplätze den Konkurrenzdruck auf den Mann von heute. Die körperliche Arbeit, die er aufgrund seiner Statur jahrhundertelang für sich beanspruchte, wird in der westlichen Welt immer weniger.

Die Generation vor ihm erlebte noch die Blütezeit der männerdominierten Industrialisierung und das Wirtschaftswunder. Die Weltkriege vernichteten viele Männer, ließen andere aber als Helden zurückkehren. Die Gesellschaft ließ eine Lücke offen, die sie wieder füllen konnten. Heute, in einer post-heroischen Gesellschaft, in der das Militär abwertend beäugt wird und sich die Industrie jährlich dezimiert, wissen viele Männer sich nicht mehr einzureihen, sie finden keine Lücke mehr und kein Mittel mit ihren Sorgen umzugehen.

In ihrem vielbeachteten Essay „The End of Men“ argumentiert die amerikanische Autorin Hanna Rosin, dass Frauen in der Ausbildung und im Berufsleben den Männern zunehmend den Rang ablaufen. Von den 15 wachstumsstärksten Arbeitsbereichen in den USA werden Rosin zufolge nur zwei mehrheitlich männlich sein: die Technische Informatik und das Hausmeisterwesen. In den USA spricht man von der „Lean Out“-Generation junger Männer, die sich von den eigenen Idealen verraten fühlen und ihre Macht auf andere Weise zu zementieren versuchen.

Großmaul Trump und Hobby-Cowboy Putin

Die politische Konfrontation erweist sich vielen als erprobtes Mittel. In ihrem Frust gehen sie den populistischen Aufwieglern auf den Leim. Hinter dem Erstarken der nationalistischen Bewegungen steckt auch ein Verlangen nach dem „starken Mann“. Die Parolen von frauenverachtenden Großmäulern wie Trump oder die Muskelprotzerei des Hobby-Cowboys Putin stärken ein bedrohtes Männerbild. In Deutschland übernimmt die AfD das mit ihrer Kampfansage an die Gendertheorie. Der Wahlerfolg der Rechten zeigt, wie weitverbreitet dieses Weltbild noch ist. Gerade in Ostdeutschland konnte die AfD mit ihren Positionen punkten.

Natürlich spielen hier viele Faktoren mit, aber wie die Schriftstellerin Ines Geipel in einem Artikel in der „Welt am Sonntag“ jüngst festhielt: "Über den Osten zu reden, heißt auch über sein ungebrochenes Patriarchat zu reden.“ Geipel beschreibt in dem Beitrag „wie unerreichbar dieser Typ Ostmann im Grunde ist“ und konstatiert, dass die AfD biographisch gesehen, seine „letzte Möglichkeit ist, die Lebensdepression loszuwerden“, denn „es gibt wieder einen Auftrag, in einem gärenden Wir.“ Die Populisten versprechen dem Mann wieder Halt zu geben, lassen ihn alte Rollen wiederaufnehmen: der Patriot, der Beschützer, der Krieger. Was den Populismus und die toxische Männlichkeit eint, ist die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Viele AfD-Wähler sind keine sogenannten Abgehängten, gehören nicht dem Prekariat an. Sie haben nicht weniger Angst vor materiellen Verlusten, als vor dem Verlust des gesellschaftlichen Ranges, den sie gefährdet sehen. Sie sind das Status-Prekariat. Und ihr Frust und ihre Angst ist fruchtbarer Boden für den Populismus.

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