Mafia : Der Friede ist zu Ende

Siziliens Unternehmer wollen sich gegen die Mafia wehren – aber dort drängen neue Bosse an die Macht.

Paul Kreiner
070905sizilien
Straßenkontrolle in Palermo -Foto: AFP

RomDie Zeit, sagt Ivan Lo Bello, sei reif gewesen. Seit einem halben Jahr leitet der Süßwarenproduzent aus Syrakus die sizilianische Industriellenvereinigung. Der Mittvierziger gehört zu jenen Jungunternehmern, die im Verband tun wollen, was die alte Garde – aus Feigheit, Opportunismus und auch aktiver Komplizenschaft – unterlassen hat: ein Zeichen gegen die Mafia setzen. Künftig, so der Beschluss des Verbands, soll jeder ausgeschlossen werden, der Schutzgeld an die Cosa Nostra zahlt. Das sind je nach Region, Branche und polizeilicher Schätzung bis zu drei Viertel aller Unternehmen; sie zahlen Beträge von 100 bis 20 000 Euro pro Monat und unterstützen die sizilianische Mafia auf diese Weise mit zwei Milliarden Euro pro Jahr.

Zur Wende im Industrieverband haben die immer aggressiveren Drohungen der Mafia beigetragen: Unlängst brannte in Palermo das Großdepot eines Farbenhändlers ab, der einer Anti- Schutzgeld-Bewegung beigetreten war. Ein Bauunternehmer in Catania wurde gleich viermal attackiert: Unbekannte zündeten teure Bagger an. In der Provinz Agrigent zählt man seit Monaten jeden Tag einen Anschlag auf „widerspenstige“ Unternehmer. Offenbar, vermuten die Ermittler, habe sich auch in der Mafia eine neue Generation nach vorne geschoben. Junge Mafiosi wollen anscheinend das Organisations- und Strategievakuum füllen, das durch die Verhaftung des obersten Bosses Bernardo Provenzano im April 2006 entstanden ist. Erst vor wenigen Tagen gingen in einem Mailänder Gefängnis anonyme „Grußkarten“ an die dort inhaftierten höchsten Mafiabosse ein, auf denen stand: „Der Friede ist zu Ende.“

Politiker und Mafiafahnder in Italien bewerten den Beschluss des Industrieverbandes als „mutigen Schritt“, als „gutes Beispiel“, ja sogar als „Zeitenwende“ im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Die Forderung der Unternehmer nach einem Einsatz des Heeres – wie nach den Attentaten auf die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 – lehnen sie ab. Der Widerstand müsse, sagt Regierungschef Romano Prodi, „aus der Zivilgesellschaft selbst“ kommen.

Das sei leicht gesagt, meint Pippo Callipo, der in Kalabrien lange den Industrieverband führte. Gegen die 'Ndrangheta – die dortige Mafia – „lässt uns der Staat allein“, klagt der Produzent von Tunfischkonserven. „Ein Geschäftsmann kann schon rebellieren; er kann die Leute anzeigen, die ihm Schutzgeld abpressen. Aber dann zerstört die Mafia seinen Laden, und kein Staat ist da, der ihn schützen würde. Dann ist es allemal billiger, einer zahlt 200 Euro Schutzgeld als 1000 Euro für ein neues Schaufenster.“ Selbst wenn die Erpresser verhaftet würden, sagt Callipo, „laufen sie aufgrund der Mängel unseres Gerichtswesens nach zwei Wochen schon wieder frei herum. Dann traue ich mich nicht mehr auf die Straße.“

Callipo hat schon vor zwei Jahren nach dem Heer gerufen. Aber weil er im Kampf gegen die kalabrische Mafia weder beim Staat noch bei seinen Kollegen einen ausreichenden Rückhalt fand, trat Callipo als Verbandschef zurück. Zur rapiden Ausbreitung der „allzu lange unterschätzten“ 'Ndrangheta, zum Massaker von Duisburg vor allem, sagt Callipo bitter: „Sie haben es ja so gewollt.“

Seit Callipos Rücktritt verzichtet der kalabrische Unternehmerverband auf starke Töne gegen die 'Ndrangheta. Die sizilianische „Wende“ will der neue Vorsitzende Umberto De Rose nicht mitmachen: „Schließen wir lieber die aus, die Bestechungsgelder an Politiker zahlen; das tun die nämlich aus freier Wahl, um einen wirtschaftlichen Vorteil zu erreichen. Schutzgeld hingegen zahlt einer, weil er bedroht und erpresst wird.“ Callipo hat eine andere Erklärung für das Schweigen seines Verbandes. Unternehmer seien keineswegs nur Opfer der Mafia; bisweilen ließen sie sich nicht ungern, zum gegenseitigen Vorteil, in deren Geschäfte verwickeln: „Die Zivilgesellschaft hat sich mit den Zuständen ganz gut eingerichtet.“ Auch Antonio Di Pietro, der einstige Star-Staatsanwalt aus Mailand, fordert, dass nicht die Schutzgeldzahler als „Opfer“ bestraft werden, sondern „jene Unternehmer, die Geschäfte mit der Mafia machen, und das nicht nur in Sizilien, sondern in ganz Italien“.

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