Politik : Mahnungen und Matjes

Kiel präsentiert sich bei den zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit maritim

Dieter Hanisch[Kiel]

Der „Einheitszug“ ist nach 16 Jahren nun durch alle Bundesländer gedampft. Als letztes Land war Schleswig-Holstein mit der Ausrichtung der Feierlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit beauftragt, und deshalb hieß es am Dienstag in Kiel „Moin, Moin Deutschland“ zwischen Matjeshering, Krabbenpulen und Kohlköpfen. Ein verlängertes Wochenende mit dem Montag als Brückentag sorgte im Norden bei einer „steifen Brise“ für Feierstimmung. Wo sonst in jedem Juni das Segelmeeting der Kieler Woche steigt, waren am Montag und Dienstag rund 250 000 Menschen auf den Beinen.

Auch ein sichtlich stolzer Landesvater Peter Harry Carstensen (CDU) suchte zwischen all den protokollarischen Terminen immer wieder die Nähe zum Volk, um „Platt zu schnacken“. Er hatte schon im Vorfeld die maritimsten Festlichkeiten versprochen, die es je zum 3. Oktober gegeben hat. Daher stieg er auch in ein Drachenboot und forderte die Kollegen Ministerpräsidenten aus dem Saarland und aus Rheinland-Pfalz, Peter Müller und Kurt Beck, zu einem Ruderwettkampf auf der Kieler Hörn, wie die Spitze der Innenförde genannt wird, heraus. Müller und seine Mitstreiter waren dabei auf der Strecke von 250 Metern am schnellsten.

Und wo sonst die Fans des Deutschen Handballmeisters THW Kiel ihre Autos parken, standen am Dienstag schwarze Luxuslimousinen. Vor dem offiziellen Festakt zur Einheit im THW-Handballtempel besuchte die politische Staatsspitze einen Gottesdienst in der 1242 erbauten Kieler Nikolaikirche.

In ihrer ersten Ansprache zur deutschen Einheit als Kanzlerin nahm Angela Merkel (CDU) später eingehend Bezug auf die Historie. Mit schwarz-rot-goldener Halskette erinnerte sie sich an die friedliche Revolution und Grenzöffnung und ihre Lust, „in die Politik zu gehen“. In den Augen der Kanzlerin sei es auch heute angezeigt, sich an der Lebenshaltung aus den Tagen des Umbruchs und der Wiedervereinigung zu orientieren: „Nicht fragen, was nicht geht, sondern fragen, was geht.“ Merkel hob die Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit als kostbares und unstrittiges Gut der Demokratie hervor. Die Kanzlerin erinnerte noch einmal an die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland als gesamtgesellschaftliches Zeichen und beschrieb die einmalige Stimmung in West und Ost: „Es hat 16 Jahre gedauert, dass Deutschland und Deutsche sich wieder freuen konnten, und das nicht, weil wir Erster geworden sind, sondern weil wir Dritte wurden.“ Merkel forderte zudem für den Standort Deutschland ein positiveres Denken in der Bevölkerung: „Sehen wir die Chance vor dem Risiko!“ Bundespräsident Horst Köhler ging in Kiel mit seinem Appell in die gleiche Richtung, als er sich Energie und Fantasie anstelle einer destruktiven Haltung angesichts der noch zu bewältigenden Aufgaben wünschte.

Die Feierlichkeiten in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt erinnerten zeitweise an die Internationale Tourismusbörse in Berlin, so sehr priesen die einzelnen Bundesländer ihre Urlaubsgebiete an. Gewinnspiele, Glücksraddrehen, Kugelschreiber- und Schlüsselbandgeschenke – die ganze Palette kommt gerade in Hartz-IV-Zeiten besser denn je an. Und auch kulinarisch dachte man bei insgesamt 11000 Quadratmetern Zeltfläche unwillkürlich an die Grüne Woche in Berlin. Bei den Ständen, an denen sich die Bundesländer vorstellten, ging es entweder folkloristisch-zünftig oder innovativ-futuristisch zu. Berlin präsentierte sich mit Licht- und Laserspielen. Der Abend gehörte dann ganz der jungen Generation mit einem Auftritt der deutschen Popgruppe „Silbermond“. Im nächsten Jahr wird dann Mecklenburg-Vorpommern Gastgeber für die Einheitsfeiern sein.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben