Malaysia : Sex, Mord und die Macht

Malaysias Oppositionsführer Anwar wird angegriffen – jetzt wehrt er sich. Er sieht den Vizepremier in ein Mordkomplott verwickelt.

Moritz Kleine-Brockhoff

JakartaDer malaysische Oppositionsführer Anwar Ibrahim hat Vizeregierungschef Najib Razak mit einem spektakulären Mord in Zusammenhang gebracht. Es gebe „schockierende Beweise“, dass Najib ein vor zwei Jahren ermordetes Model entgegen seinen Beteuerungen bestens gekannt habe, sagte Anwar am Donnerstag. Er berief sich dabei auf die eidesstattliche Erklärung eines Privatdetektivs.

Dieser sagte auf einer extra von Anwar einberufenen Pressekonferenz in Kuala Lumpur, die angebliche Affäre Najibs mit dem Mordopfer sei der Staatsanwaltschaft bekannt, werde aber ignoriert. Ein Berater und zwei Leibwächter Najibs sind wegen des Mordes angeklagt, Najib nicht. Anwar selbst sprach von „Zurückhaltung von Beweisen“ in dem Mordverfahren. „Heute sind wir Zeuge einer weiteren Episode des anhaltenden Machtmissbrauchs und der systematischen Justizmanipulation“, griff er an.

Dabei schien Anwar selbst am Wochenende mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Er flüchtete kurzfristig in die türkische Botschaft, sein Assistent hatte ihn als angeblichen Homosexuellen angezeigt. Homosexualität ist in Malaysia verboten, Haftstrafen von bis zu 20 Jahren sind möglich. Erst als die Regierung ihm am Montag Personenschutz zusicherte, verließ er die Botschaft wieder.

Anwar und Vizepremier Najib sehen sich jetzt beide als Opfer einer Rufmordkampagne. Tatsächlich geht es in Malaysia nur vordergründig um Sex oder Mord, sondern um die Macht im Land. Seit Jahrzehnten regiert ein Parteienbündnis – mittels Medienkontrolle, Oppositionsgängelung und Versammlungsverbot. Der islamische Intellektuelle Anwar Ibrahim war als Minister, Vizepremier und Vizeparteichef Teil des Systems. 1998 aber warf er dem damaligen Premier Mahathir Mohammed falsche Wirtschaftspolitik und Korruption vor und wurde prompt aus der Partei verbannt. Daraufhin forderte er vor 100 000 Demonstranten Demokratie. Anwar wurde verhaftet, von Polizisten bewusstlos geprügelt und unter anderem wegen Homosexualität zu neun Jahren Haft verurteilt. Erst nach sechs Jahren kam er wieder frei. „Er hätte nie schuldig gesprochen werden dürfen“, sagte Berufungsrichter Abdul Mohamad. Ein Zeuge hatte ausgesagt, Anwar habe mit ihm 1992 in seinem Privathaus Sex gehabt. Das Haus stand damals noch gar nicht.

Am Wochenende sah es durch den erneuten Homosexualitätsvorwurf so aus, als könne sich die Geschichte wiederholen. Die jüngste Anschuldigung kommt zu einem Zeitpunkt , an dem Anwar mit seinem Ruf nach Demokratie wieder so populär ist wie vor zehn Jahren. Nach seiner Entlassung vor vier Jahren gelang es ihm, die Opposition zu einen. Vergangenen März gewannen Oppositionsparteien fast die Hälfte der Stimmen. „Mehrere Regierungsabgeordnete wollen die Seite wechseln“, behauptete Anwar damals und kündigte an, die Regierung herauszufordern. Laut Umfragen glauben fast 95 Prozent der Malaysier deshalb an eine politische Verschwörung gegen Anwar. Der 60-Jährige wiederum nutzt das Vertrauen und greift jetzt seinerseits die Regierung an. Die angebliche Mordverwicklung von Vizepremier Najib ist nur ein Teil dieser Strategie. Anwar will am kommenden Sonntag – Versammlungsverbot hin oder her – eine Million Demonstranten auf die Straße bringen. Moritz Kleine-Brockhoff

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