Politik : „Man muss in Ruhe die Wut anhören“

Christian Schwarz-Schilling über seine neue Aufgabe in Bosnien und die Diplomatie der alten Chinesen

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Herr Schwarz-Schilling, lieben Sie Bosnien?

Wenn man zwölf Jahre durchhält und immer wieder in ein Land reist, dann muss man es lieben. Ich habe viele Freunde dort, die ich schätze und respektiere, und das reicht eine Weile zurück. Als noch Krieg in Bosnien war und ringsherum die Granaten einschlugen, saß ich dort schon mit Leuten zusammen, die viel guten Willen hatten und an ein Bosnien nach dem Krieg dachten, an Wiederaufbau. Mitten im Chaos entwarfen wir da etwa die Statuten für eine Stadtverordnetenversammlung. Manchmal habe ich mich gefragt, ob so was in meinem Land möglich wäre, so viel guter Wille. Inzwischen habe ich 180 Bosnienreisen hinter mir, ich habe 130 Verträge geschlossen in rund 60 Gemeinden, Städten und Kantonen. Ich war Tag und Nacht unterwegs, bei Schnee und Eis und im Sommer. Dabei habe ich alle Facetten kennen gelernt. Das Land hat mich nicht mehr losgelassen.

Sie waren von 1995 bis 2004 Streitschlichter, erst in der bosniakisch-kroatischen Föderation, dann auch in der Republika Srpska. Ihr Ruf in allen Landesteilen ist exzellent. Wie macht man das, wie legt man Streit bei, nach mörderischen Konflikten?

Zunächst muss man Leute sprechen lassen, beide Seiten. Man muss in Ruhe die Wut anhören, die Aggression, wenn Menschen im Krieg Angehörige verloren haben, einen Acker, ein Haus, ihre Wohnung. Dann, wenn sie sich daran abgearbeitet haben, beginnt es konstruktiv zu werden, man kann nach Lösungen suchen. Dabei geht es darum, nach vorn zu zeigen. Am besten ist es, man arbeitet mit einer Annahme, bei der beide Gewinner sein können.

Das klingt beinahe, als müssten Sie ein ausgebildeter Therapeut sein, um als Vermittler im Krisengebiet aktiv zu werden.

Ein bisschen schon. Als Sinologe habe ich viel von den alten Chinesen gelernt. Zum Beispiel durch einen berühmten Friedensschluss um 1004 nach Christus, als der Friedensstifter durch langsame und beharrliche Überzeugungsarbeit das Vertrauen des Gegners gewinnt. Natürlich können Sie das alles nicht direkt auf heute und auf Bosnien anwenden. Aber es half mir oft, etwas von chinesischer Philosophie zu verstehen.

In der kommenden Woche lösen Sie den Briten Paddy Ashdown als Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina ab. Sie vertreten damit die Vereinten Nationen und die EU als Bevollmächtigter. Der Ministerpräsident von Bosnien-Herzegowina, Adnan Terzic, hofft, dass Sie der letzte internationale Repräsentant sein werden, bevor Bosnien endgültig souverän wird. Was wird sich unter Ihrer Amtsführung in dem Balkanstaat ändern?

Natürlich ist die Nervosität in Sarajevo unmittelbar vor meinem Amtsantritt groß. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt alles ändere. Aber wenn man sich die Hilfe der internationalen Gemeinschaft im Rückblick betrachtet, dann kann man schon eines feststellen: Es ist den Bosniern zu viel von oben aufgezwungen worden, der demokratische Prozess ist zu wenig honoriert worden. Das Problem ist doch: Der demokratische Prozess verläuft langsam, er braucht Zeit. Andererseits gibt es diesen ambitionierten Zeitrahmen der Europäischen Union, mit dessen Hilfe Bosnien seinen Weg nach Europa fortsetzen soll. Aber wir sollten den Leuten in Bosnien ein bisschen Zeit lassen. Der Hohe Repräsentant hat in der Vergangenheit zu schnell die Initiative ergriffen, Gesetze kassiert und eigene Direktiven herausgegeben. Es wurden manche Leute ohne dokumentierte Belege entlassen. Dabei wurde keine rechtsstaatliche Prozedur eingehalten. Ich werde das unter gar keinen Umständen so machen.

Das heißt?

Ich werde wahrscheinlich Fälle aus der Vergangenheit wieder aufarbeiten müssen, bei denen Menschen aus ihren Ämtern entlassen wurden. In mehreren Fällen wurden nämlich Einzelne auch das Opfer von Intrigenspielen in der bosnischen Gesellschaft. Was oft vergessen wird: Es gibt genügend nationalistisch eingestellte Leute, die noch in vielen Behörden, sogar auch in internationalen Organisationen, tätig sind. So gelangten sie in eine Position, die es ihnen erlaubte, ihren persönlichen Intimfeinden schaden zu können. Und wenn Sie sich dann die Akten zu den entsprechenden Fällen vorlegen lassen, so sieht das dann häufig sehr mager aus.

Der US-Diplomat Richard Holbrooke, der 1995 für Bosnien das Friedensabkommen aushandelte, hält es heute für einen Fehler, dass man damals eine „Republika Srpska“ überhaupt zuließ, also ein von Serben regiertes Gebiet in Bosnien. Wie können nun Bosniaken, Serben, Kroaten miteinander eine Demokratie aufbauen?

Um die verschiedenen Landesteile in Bosnien, die so genannten Entitäten, geht es eigentlich gar nicht mehr so sehr. Sie sind mit dem Friedensabkommen von Dayton 1995 einmal entstanden, man kann sie jetzt nicht plötzlich abschaffen.

Vor allem das Ausland drängt darauf, dass sich Bosniaken, Serben und Kroaten in ihrem gemeinsamen Staat in Zukunft weniger gegenseitig blockieren, als das gegenwärtig der Fall ist. Eine Reform der bosnischen Verfassung ist derzeit aber nicht abzusehen.

Es geht jetzt nicht darum, Bosnien neu zu erfinden. Das Ziel ist nicht, die verschiedenen Landesteile, die Entitäten, abzuschaffen. Was Bosnien-Herzegowina aber braucht, ist ein funktionsfähiger Staat. Und wenn die Menschen in den verschiedenen Landesteilen nicht instrumentalisiert werden von den Ideologen von außen, dann kann man auch mit einer dezentralen Gliederung des Staates leben.

Hat die Politik in den benachbarten Staaten inzwischen weniger Einfluss auf Bosnien-Herzegowina als in der Vergangenheit?

Ja. Früher hatten Kroaten in der Herzegowina in jedem Klassenzimmer in der Schule ein Porträt des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman hängen. Sie träumten davon, am kroatischen Wohlstand teilzunehmen, handelten nur in der kroatischen Kuna, nicht in der Landeswährung, und hofften auf dicke Pensionen aus Zagreb. Solche Fantasien haben sich verflüchtigt, weil sie auch bei Zagrebs Nationalisten, wie der Partei HDZ von Ivo Sanader, nicht mehr en vogue sind. Mit Sanader habe ich in kritischen Zeiten, noch vor seinem Amtsantritt als Premierminister, gute Gespräche führen können.

Wie lief das ab?

Wenn etwa Kroaten in der Herzegowina sich wirklich stur zeigten, nicht an den runden Tisch mit Bosniaken wollten, sich weigerten, unkooperativ waren, Obstruktion zu ihrem Motto machten, konnte ich mit Sanader sprechen, und ihm sagen: ,Wissen Sie was, diese Region hier wird ein schwarzes Loch sein. Und ich gebe das dann weiter an die internationale Gemeinschaft, an die OSZE, an den Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, und ich werde die betreffenden Städte nicht für internationale Projekte vorschlagen.’ Dann hat er auf die Leute eingewirkt, und sie kamen. Zuerst mit geballten Fäusten in den Taschen, aber sie saßen mit der anderen Partei am Tisch. Anfangs haben sie uns dann noch die Heizung abgedreht. Aber ich zog mir den Mantel an und verhandelte einfach weiter. Dann stellten sie den Strom ab, und wir haben mit Kerzenlicht und Computerbatterie weitergearbeitet. Irgendwann haben sie gemerkt: Gegen diesen schrecklichen Schwarz-Schilling können sie nichts erreichen, der gibt einfach nicht auf. Und da haben sie die Heizung wieder angedreht, auch, damit sie selbst nicht frieren.

Besonders notorisch ist ja der Nationalismus und Chauvinismus der Serben in Bosnien-Herzegowina, in der „Republika Srpska“.

Da würde ich widersprechen. Auch die Mehrheit der serbischen Täter im Land kam übrigens nicht aus Bosnien selbst, sondern das war die aus Belgrad geschickte Soldateska von Milosevic, die dort den Genozid betrieb, und ihn, in Srebrenica, auch gezielt verübte. Dieser Ideologie haben manche dann, aus Gruppendruck, nicht standgehalten. Zentral ist allerdings wirklich, dass die großen Fische, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, bald ins Netz gehen. Es wird Zeit, dass diese Kriegsverbrecher gefasst werden. Wie sollen wir, der Westen, den Menschen in Bosnien den Rechtsstaat erklären und Kleinkriminelle oder auch korrupte Geschäftemacher inhaftieren, solange solche Männer frei herumlaufen? Das ist nahezu unmöglich. Und dabei sind Bosnier in der Regel ausgesprochen freundliche, friedliche Menschen. Mir hat noch keiner nachgewiesen, dass es in Bosnien statistisch tatsächlich mehr Kriminalität geben soll als in den Nachbarländern. Und wenn der sture Nationalismus von außen, von den Nachbarländern her, ein wenig gedämpft wird, ändert er sich auch von innen, wo dann alle mit der Zeit besser zusammenleben können, egal ob in Entitäten oder Kantonen oder wie auch immer.

Wie in der Schweiz?

Ja, von mir aus gern wie in der Schweiz. Wichtig ist, dass es jetzt mit Bosnien-Herzegowina wirtschaftlich vorangeht, dass die Menschen Arbeit bekommen. Das wird meine Priorität Nummer eins sein. Wir haben es da zu tun mit den Überbleibseln einer kommunistischen Planwirtschaft und deren Bürokratie, es fehlen die Rahmenbedingungen für mittelständische Betriebe. Vieles erstickt geradezu in Bürokratie, Initiative wird blockiert und ausgebremst. Ich werde als Erstes junge Unternehmer aus Bosnien zur Cebit-Messe mitnehmen. Joint Ventures sollen entstehen, Innovation, Investoren müssen Bosniens Wirtschaft beleben. Dazu ist es übrigens auch wichtig, dass wir im Westen unsere Bürokratie abbauen, und dass ein junger Computerfachmann oder Unternehmer nicht drei Monate auf ein Visum warten muss. Sicher, es fehlen den bosnischen Produkten auch europäische Gütesiegel. Hinzu kommt, dass viele Standards nicht erfüllt sind. Kreditbedingungen bei den Banken fehlen – und auch die Vorstellung, dass Unternehmer sich ihre Angestellten selber aussuchen, nicht wie in Staatsbetrieben, wo alles automatisch über eine Verwaltung läuft. Leider ist die bisher erfolgte Privatisierung kein Ruhmesblatt der Nachkriegsgeschichte Bosniens. Da müssen aber die Bosnier selbst aktiv werden, ich kann höchstens Ratschläge geben. Von oben herab hineinregieren will ich wirklich nicht, das ist schon viel zu viel geschehen.

Hat Bosnien-Herzegowina langfristig eine EU-Perspektive? Und wann könnte das Land Mitglied in der Europäischen Union werden? 2014? 2015?

Ja, die EU-Standards liegen auf dem Tisch. Und Bosnien braucht dringend Zielmarken, um voranzukommen. Bedenken Sie aber, die Dankbarkeit der Bosnier gilt, bei aller Freude über die Perspektive einer zukünftigen Mitgliedschaft in der Europäischen Union, immer noch eher den Amerikanern als den Europäern. Schließlich haben sie erlebt, dass die Amerikaner sie aus dem Krieg herausgeholt haben, dem Europa jahrelang tatenlos zusah. Die USA haben Bosnien gerettet und sind auch heute dort sehr engagiert. Aktiv als Geldgeber im Aufbau sind dort auch die Türken, die Japaner, die Kanadier. Wir werden nicht einseitig nur auf die EU gucken dürfen, wenn wir Bosniens Wirtschafts- und Außenpolitik justieren. Übrigens darf dabei auch Russland nicht vergessen werden, denn man wünscht sich ja keine trotzige Achse Belgrad-Moskau. Um Bosnien in die Welt wieder einzubauen, braucht man auch Beziehungen zur ganzen Welt. Dafür werde ich in meiner neuen Position eintreten.

Das Gespräch führten Caroline Fetscher und Albrecht Meier.

SINOLOGE

Als Student in Berlin entdeckte Christian Schwarz-Schilling, Sohn eines Komponisten und einer polnischen Pianistin, sein Herz für China und seine Kultur.

POSTMINISTER

Der heute 75-jährige Christdemokrat begann seinen politischen Aufstieg in der hessischen CDU. 1982 wurde er Postminister unter Helmut Kohl. Zehn Jahre später verließ er das Kabinett aus Protest gegen den Kurs der deutschen Bosnien-Politik.

MANN FÜR BOSNIEN

Nach dem dreijährigen Bosnien-Krieg vermittelte Schwarz-Schilling von 1995 bis 2004 als internationaler Streitschlichter zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten. Am 1. Februar übernimmt er in Sarajevo das Amt des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina. Er löst damit den Briten Paddy Ashdown ab und spielt eine entscheidende Rolle in dem Balkan-Staat, der den EU-Beitritt anstrebt.

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