Politik : Manager – nicht krisenfest

ROT SIND DIE BILANZEN

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Von Dieter Fockenbrock

Die Regierung kämpft um jeden Arbeitsplatz, um jedes Zehntel Prozent Wirtschaftswachstum, um jeden Cent Einnahmen. Reformpakete werden im Eilverfahren geschnürt, Spargesetze beschlossen. In der Hoffnung, den einen oder anderen Job noch zu retten, die desolaten Finanzen in den Griff zu bekommen. Und was machen Deutschlands Manager? Sie tun, als ginge sie das nichts an. Man hat den Eindruck, sie fallen dem Kanzler absichtlich in den Rücken, torpedieren seine verzweifelten Sanierungsversuche.

Ob Deutsche, Dresdner oder Commerzbank, ob Telekom und Siemens oder Allianz und Bayer: Die großen Konzerne streichen Jobs in einer bisher unbekannten Größenordnung. Die Großbanken zusammen 40000, Siemens und Telekom schaffen es gemeinsam sogar auf fast 90000. Die Elite der deutschen Wirtschaft feiert regelrechte Entlassungsorgien. Und dann diese Woche: Milliardenschwere Abschreibungen drücken Telekom und Co. tief in die roten Zahlen. Mit der Folge, dass der Fiskus weiter leer ausgeht, denn wer Verluste produziert, muss keine Steuern zahlen.

Mehr noch: Viele Konzerne zahlen keine Körperschaftsteuer mehr, lassen sich sogar Steuern vom Finanzamt zurückerstatten. Eine Gesetzesänderung der rotgrünen Regierung, nach dem Wunsch der Industrie, macht es möglich. Doch warum diese Eile? Am Jahresende läuft keine Frist aus, man könnte sich Zeit lassen. Dazu diese Brandbriefe: In einer konzertierten Aktion beklagten sich die Chefs führender Industriekonzerne beim Kanzler persönlich über dessen Steuerpolitik, als wenn die Verbändelobby in Berlin schliefe. Das riecht nach Verschwörung. Dagegen spricht: Die Wahlen sind vorbei.

Viele Topmanager haben das Maß verloren. Sie nutzen die Gunst der Stunde zum Großreinemachen. Wer jetzt noch mal schnell tausend Stellen streicht, fällt kaum auf. Selbst eine zusätzliche Milliarde Minus in der Bilanz regt keinen auf. Dabei haben es einige dieser Konzernlenker gerade nötig. Noch vor wenigen Jahren verkauften sie uns unter dem Deckmantel der Globalisierung jeden Unsinn. Riskante Einkaufstouren mit prall gefülltem Geldbeutel, teure Expansionen in neue Geschäftsfelder und unbekannte Länder. Jetzt wird wertberichtigt. Nichts anderes verbirgt sich hinter den gigantischen Abschreibungen. Deutschlands Manager werden von den Sünden ihrer Vergangenheit eingeholt. Denn in den Bilanzen haben sie bisher unternehmerische Utopien gebucht.

Dumm, dass ausgerechnet in dieser Zeit die Kosten aus dem Ruder laufen. Die Konjunkturflaute zieht sich endlos hin. Wer große internationale Pläne schmiedete, der hatte eben keine Zeit für den Kleinkram daheim. Das rächt sich bitter. Und was fällt unseren Führungskräften ein? Sie streichen so blind, wie sie zuvor eingestellt haben. Wo bleiben die Arbeitskonzepte, die zwar nicht das Gehalt in voller Höhe, aber den Job sichern? Dabei ist das Feuern von Arbeitnehmern doch so schwierig in Deutschland, heißt es immer. Es ist wohl einfacher, die Lasten, oder Teile davon, der Gemeinschaft aufzubürden, als komplizierte Beschäftigungskonzepte auszutüfteln. „Sozialverträglich“ werde abgebaut, malen die Unternehmen immer schön. Was sie meinen, ist die Frühverrentung. Die ist legitim, kostet den Staat aber eine Menge Geld. Und sie hatte ein anderes Ziel: Platz zu machen für junge Leute.

Gerhard Schröder galt einmal als Kanzler der Konzerne. Deutschlands Konzernchefs haben ihm die Freundschaft aufgekündigt. Aber nicht nur ihm. Deutschlands Wirtschaftsführer haben die Konsensgesellschaft für beendet erklärt.

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