Manipulierte Gutachten : Bundesamt für Strahlenschutz sieht "Geburtsfehler" in Gorleben

Die Regierung Kohl hat offenbar Gutachten zum Atommüllendlager Gorleben geschönt. Für den Chef des Bundesamts für Strahlenschutz war das nicht die einzige Ungereimtheit bei der Standortentscheidung.

BerlinAngesichts aktueller Berichte über manipulierte Gutachten zugunsten des Standorts Gorleben als atomares Endlager hat der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, die damalige Standortentscheidung scharf kritisiert. "Gorleben hatte von Anfang an mehrere Geburtsfehler", sagte König dem Tagesspiegel.

Zum einen sei bis heute "immer noch nicht eindeutig geklärt, wie es 1977 zur Standortentscheidung kam". Zudem sei zu Beginn der Erkundung gesagt worden, es seien "zwei unabhängig voneinander existierende geologische Barrieren nötig", um eine sichere Endlagerung zu gewährleisten. Doch nachdem festgestellt wurde, dass die sogenannte Gorlebener Rinne, eine wasserführende Schicht, bis direkt an den Salzkörper heranreicht, sei argumentiert worden, das Salz sei mächtig genug, eine zweite geologische Barriere aus Tongestein sei nicht nötig. "Man hat damit den Eindruck erweckt, dass die Kriterien an den jeweiligen Erkundungsstand angepasst worden sind", sagte König weiter. Zum dritten "gab es keine formale Beteiligung der Bevölkerung, weil das Verfahren in Gorleben nach altem Bergrecht abgewickelt wird".

König fordert deshalb "schon allein aus Gründen der Rechtssicherheit" eine vergleichende Standortsuche, für die die Kriterien von Anfang an klar und öffentlich bekannt seien und eine Einbeziehung der Bevölkerung in ein transparentes und faires Verfahren. "So machen wir das bei der Sanierung von Asse", sagte König.

Minister sollen Gutachter zum Umschreiben angehalten haben

Zuvor hatte die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl habe in den 1980er Jahren massiv Einfluss auf die Gutachter genommen, die über den Salzstock Gorleben als potenzielles Atommülllager zu beurteilen hatten.

Die Zeitung beruft sich dabei auf einen bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangten Schriftverkehr. Aus einem Fernschreiben vom 13. Mai 1983 geht demnach hervor, dass die Ministerien für Forschung und für Inneres unter den Ministern Heinz Riesenhuber (CDU) und Friedrich Zimmermann (CSU) die zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) zum Umschreiben eines maßgeblichen Gutachtens angehalten habe.

Auch bei Asse ignorierte Regierung Kohl Misstände

Damals war ein wegweisender Bericht zu Gorleben in der Schlussphase. Er sollte die Ergebnisse zu Gorleben zusammentragen und letztlich klären, ob der Salzstock auch unter Tage erkundet werden kann. Zu diesem Zeitpunkt sollen die beiden Ministerien aber bereits über die Zukunft des Standorts entschieden haben: Sie wollten unbedingt ein Endlager Gorleben. Entsprechend habe man die Gutachter angehalten, die Risiken herunterzuspielen. So sei unter anderem die Gefahr, dass radioaktive Substanzen ins Grundwasser gelangen könnten, in dem Bericht beschönigt worden.

Damit ist Gorleben nach Asse das zweite Atommülllager, das aufgrund fehlerhafter Gutachten unter der schwarz-gelben Koalition als Endlager benannt wurde. 126.000 Fässer mit strahlender Substanz liegen seither in dem unterirdischen Salzstock. Seit Jahren dringt Wasser in das ehemalige Bergwerk ein – die frühere schwarz-gelbe Bundesregierung ignorierte diese Missstände. (Tsp/sf/dpa)

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