Politik : "Mann des Jahres": Keine Wahl

Friedemann Diederichs

Eigentlich hatten sie keine Wahl. "Mann des Jahres" beim US-Nachrichtenmagazin "Time" wird, wer die Welt am stärksten beeinflusst hat. 2001 wäre dies notgedrungen auf den mutmaßlichen Urheber der Terroranschläge vom 11. September, Osama bin Laden, zugelaufen. Jetzt ist es doch der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani geworden. Giuliani, der im Januar in seinem Amt vom Medienunternehmer Michael Bloomberg abgelöst wird, wurde damit für seine Arbeit nach der Katastrophe geehrt.

Dabei hatte die Redaktion in der Vergangenheit durchaus umstrittenere Persönlichkeiten als Osama bin Laden zum "Mann des Jahres" erhoben. 1938 war es zum Beispiel Adolf Hitler. Diese Entscheidung entfachte nicht nur innerhalb der Leserschaft, sondern in ganz Amerika einen zuvor nie erlebten Sturm der Entrüstung, der sich in einem Käuferstreik und stornierten Anzeigenaufträgen niederschlug. Im Falle Osama bin Ladens hatte man Vergleichbares befürchtet. "Letztlich war es aber leicht, ihn zu übergehen" sagte "Time"-Chefredakteur Jim Kelly, der bei der seit nunmehr 78 Jahren praktizierten jährlichen Wahl das letzte Wort hatte: "Er ist ein ganz gewöhnlicher Terrorist."

Im Verlag hatten sich bereits die Drohungen von Abonnenten gestapelt, dem Magazin für immer den Rücken zu kehren - ein Schritt, dem auch Anzeigenkunden folgen wollten. Ohnehin verbuchte das Magazin im laufenden Jahr einen Rückgang der Anzeigenerlöse um 23 Prozent. "Wird bin Laden Mann des Jahres, würde dies zu einem beispiellosen Alptraum für das Magazin," prophezeite der prominente Public Relations-Experte Howard Rubenstein. Dass ein Teil der Leserschaft eine solche Entscheidung nicht nachvollzogen hätte, wusste auch Chefredakteur Kelly: "Selbst wenn wir hundert Mal sagen, dass die Auswahl keine Ehrung der betreffenden Person bedeutet - viele Leser sehen es dennoch so."

Auch die Alternativen hatten Kelly Kopfschmerzen bereitet: US-Präsident Bush war bereits "Mann des Jahres" 2000. Auch bei New Yorks rührigem Bürgermeister, dem nun gewürdigten Giuliani, gab es Bedenken. Einfluss hatte er vor allem auf die New Yorker - und weniger auf die Welt.

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