Politik : Mann des Volkes: Chen Shui-Bian hat den Traum der Demokraten in Taiwan verwirklicht

Harald Maass

Der Mann sieht nicht unbedingt wie ein Revolutionär aus: Taiwans neuer Präsident Chen Shui-bian trägt konservative Anzüge, eine Brille mit Goldrand, und wenn er redet, klingt das manchmal ziemlich autoritär. Doch mit seinem Wahlsieg am Wochenende hat Chen mit seiner Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) in Taiwan Geschichte geschrieben: Nach fünf Jahrzehnten hat er die Kuomintang von der Macht gestoßen.

Chen Shui-bian gilt als Mann des Volkes. 1951 als Sohn armer Bauern im Dorf Hsichaung geboren, musste sich Chen seinen Aufstieg hart erarbeiten. Als Junge ging er oft ohne Mittagessen zur Schule, war jedoch stets Klassenbester. Auch bei seinem Jurastudium fiel Chen durch Intelligenz und hervorragende Noten auf. Nach dem Examen 1975 stieg er bald zu einem der bestverdienendsten Juristen Taiwans auf.

Doch Chen, durch seine Herkunft ein Außenseiter in der von Chinesen dominierten Elite, bekommt bald Zweifel an dem Kuomintang-Militärregime. Nach der Festnahme führender Oppositionspolitiker 1979 übernimmt Chen die Verteidigung. Ernüchtert stellt der junge Anwalt fest, dass die Verurteilung der Demokraten schon vor dem Prozess beschlossene Sache ist. "Mir wurde klar, dass es hier um mehr als nur um Jura ging", sagt Chen.

Chen beginnt sich in der aufkeimenden Demokratiebewegung zu engagieren. Als einer der ersten Nicht-Kuomintang-Mitglieder wird er in lokale Posten gewählt. Für sein politisches Engagement zahlt er einen hohen Preis: Bei einem Anschlag wird 1985 seine Frau Wu Shu-jen drei Mal von einem Lastwagen überrollt. Sie überlebt, bleibt aber querschnittsgelähmt. Chen Shui-bian wird als politischer Gefangener acht Monate ins Gefängnis geworfen.

Chens politischer Durchbruch begann 1994. Als erster direkt gewählter Bürgermeister Taipehs verdient er sich den Ruf als zupackender Reformer: Er lässt heruntergekommene Stadtviertel sanieren und senkt die Verbrechensrate. Trotz aller Erfolge, unterliegt Chen 1998 bei den Bürgermeisterwahlen gegen die Kuomintang.

Dass Chen nun den Aufstieg in das höchste Amt schaffte, ist ein Zeichen für das wachsende Selbstbewusstsein der Taiwaner. Während die Kuomintang für viele als Symbol für die chinesische Fremdherrschaft steht, betonte Chen seine taiwanesischen Wurzeln. Als "Präsident Made in Taiwan", wie ihn eine Zeitung beschrieb, hielt er im Wahlkampf seine Reden fast nur im taiwanesischen Dialekt und grenzte sich deutlich von China ab.

Dass er als Präsident die Unabhängigkeit Taiwans vorantreiben könnte und dadurch einen Konflikt mit Peking provoziert, ist jedoch nicht zu befürchten. Schon im Wahlkampf hat Chen gezeigt, dass er Realpolitiker ist: Auf ein Referendum über den Status Taiwans will er ebenso verzichten wie auf eine Verfassungsänderung. "Ich werde Taiwan nicht an den Rande eines Krieges bringen", versprach Chen.

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