Politik : Mann für heikle Missionen

SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski, „Held von Mogadischu“, starb nach schwerer Krankheit in Köln

Albert Funk

Berlin - Man kannte ihn als „Ben Wisch“. Hans-Jürgen Wischnewski, der am Donnerstag in Köln nach schwerer Krankheit gestorben ist, war in seiner langen Karriere als Politiker vor allem ein Fachmann für die arabische Welt. Er gehörte zu der Sorte Politiker, die nicht in den ganz vorderen Rängen saßen, nicht ständig im Licht der Kameras stehen, sondern im Hintergrund wirken und dort die Fäden in der Hand halten. Einmal immerhin stand er jedoch im Mittelpunkt, in einer der heikelsten Situationen der deutschen Politik der Nachkriegszeit: als der Lufthansa-Jet „Landshut“ im Oktober 1977 durch Terroristen nach Mogadischu entführt wurde und Wischnewski, damals Staatsminister im Kanzleramt, die Verhandlungen mit den palästinensischen Entführern führte, die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe freipressen wollten. Seinen guten Kontakte in die arabische Welt war es zu verdanken, dass die somalische Regierung es gestattete, die Antiterrorgruppe GSG 9 des Bundesgrenzschutzes einreisen und die Maschine stürmen zu lassen.

Es war nicht die einzige schwierige Aufgabe. In Teheran und Beirut setzte er sich im Mai 1987 für die Freilassung der entführten deutschen Firmenvertreter Rudolf Cordes und Alfred Schmidt ein. Noch im vorigen Jahr reiste er im Auftrag des Bundeskanzlers zu Gesprächen nach Libyen. Aber der Nervenkrieg vom Herbst 1977 war die Aktion, mit der sein Name verbunden blieb. „Der Held von Mogadischu“ hieß er seither.

Wischnewski wurde am 24. Juli 1922 in Allenstein in Ostpreußen geboren, als Sohn eines Zollbeamten. Nach dem Krieg ging er ins Rheinland und machte in der SPD Karriere, in die er 1946 eingetreten war. Von 1957 bis 1990 saß er für seinen Kölner Wahlkreis im Bundestag. Zwischen 1953 und 1959 arbeitete er auch als Funktionär für die IG Metall, danach war nur noch die Politik sein Beruf. Die Stationen: 1966 bis 1968 Entwicklungshilfeminister in der Großen Koalition, von 1968 bis 1971 Bundesgeschäftsführer der SPD. 1974 wurde er Staatsminister im Auswärtigen Amt, 1976 unter Helmut Schmidt Kanzleramtsminister, ein Amt, das er bis 1979 behielt und 1982 nochmals übertragen bekam. Von 1979 bis 1982 war er auch stellvertretender SPD-Vorsitzender, 1980 bis 1983 zudem Fraktionsvize. Alles wichtige Ämter, die Wischnewski ausfüllte, ohne nach oben zu drängen.

Ein besonderes Verhältnis pflegte Wischnewski auch zu den Palästinensern. Er nahm noch an der Beisetzung Jassir Arafats teil, der ihm einst den höchsten Orden der Palästinenser verlieh. Anfang Februar wurde Wischnewski mit akuter Atemnot in die Klinik gebracht und musste wiederbelebt werden. Die Ärzte legten ihn in ein künstliches Koma. Am Wochenende erwachte er nochmals.

Seine menschliche Art und seine politischen Fähigkeiten hätten ihn zu einem der beliebtesten Politiker der vergangenen Jahrzehnte gemacht, sagte Parteichef Franz Müntefering. Als Wischnewski unlängst Ehrengast bei der Hundertjahrfeier eines bayerischen SPD-Ortsverbands war, wurde er gefragt, wie es weitergehe mit der Sozialdemokratie. „Das Schicksal der SPD als Regierungspartei hängt davon ab, ob es bald gelingt, die Wirtschaft in Gang zu bekommen und dadurch die Arbeitslosenzahlen zu verringern“, sagte er.

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