Margot Käßmann : Frauen, Freiheit, Frömmigkeit

Claudia Keller über einen launigen Tagesspiegel-Abend mit Margot Käßmann, der früheren Bischöfin, die über ihre Erfahrungen in den USA plauderte.

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Margot Käßmann.
Margot Käßmann.Foto: dapd

Da wird es still im Saal. „Ich habe einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Und ich kann und will nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität beschädigt sind.“ Guttenberg? „Nein, das ist nicht Guttenberg“, sagt Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff, „sondern Margot Käßmann – bei ihrem Rücktritt vor einem Jahr“. Käßmann lacht, die Gäste lachen. Ein launiger Abend beginnt.

Käßmanns Rücktritt als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende nach einer Alkoholfahrt wird in den folgenden zwei Stunden keine Rolle spielen. Es geht um die Zeit danach, um drei Monate, die sie an der Emory University in Atlanta verbracht hat. Sie habe es genossen, sagt sie, als „ältere Dame“ im Studentenwohnheim zu leben, viele junge Leute kennenzulernen und sich unbeobachtet von Journalisten und Bischofskollegen frei bewegen zu können. Ihre Eindrücke hat sie jeden Morgen ihrem Tagebuch anvertraut. Daraus ist ein Buch geworden, das sie am Dienstagabend in den Räumen des Tagesspiegels vorgestellt hat – im Gespräch mit Chefredakteur Casdorff und vor 200 Gästen.

Käßmann hat in den USA Augen und Ohren weit aufgesperrt und kommentiert mal ernsthaft, mal humorvoll-distanziert. Sie wundert sich über das Verhältnis der Amerikaner zu Schusswaffen und Todesstrafe, staunt über die Selbstverständlichkeit, mit der alle gemeinsam religiöse Feste feiern – und sich bei Volkszählungen in acht ethnische Kategorien auseinandersortieren lassen, inklusive dem „2-3 Mix“. Vor allem aber interessiert sie die Frömmigkeit der Amerikaner.

„Neun von zehn Amerikanern geben an, dass sie an Gott glauben“, sagt Casdorff und fragt Käßmann: „Glauben Sie das?“ Für die Amerikaner sei Religion fester Teil ihrer Identität, sagt Käßmann. Auf einer Wanderung sei sie von anderen Wanderern mit der Frage angesprochen worden: „In welcher Kirche beten Sie?“ Wie viel Religion ein Staat vertrage und umgekehrt, will Casdorff wissen. Die Amerikareisende gesteht, dass sie das demonstrativ Religiöse amerikanischer Politiker sehr befremde. „Ist Religion also Privatsache für Sie?“, fragt Casdorff die Ex-Bischöfin mit einem ketzerischen Lächeln zurück. Aber Käßmann lässt sich nicht aufs Glatteis führen. „Die Bundeskanzlerin stammt aus einem evangelischen Pfarrershaus, es ist klar, woher sie ihre Werte hat“, sagt Käßmann. „Es ist gut zu wissen, wo jemand steht, aber ich muss nicht wissen, wie oft er betet.“ Den Glauben wie eine Monstranz vor sich her zu tragen, davon hält sie nichts.

Auch über Krieg und Frieden hat sie in den USA nachgedacht, na klar. Sind Frauen friedensbezogener, und geht das ohne Radikalisierung, interessiert den Journalisten. „Frauen sind auf jeden Fall kreativer“, sagt Käßmann, „und wir brauchen viel mehr Kreativität, um Konflikte früher zu erkennen.“ Wie oft habe sie zu hören bekommen, sie solle doch mit den Taliban bei Kerzenlicht im Zelt beten. „Vielleicht wäre das besser als in Kundus Tanklaster zu bombardieren“, sagt sie, lächelt und ist jetzt, nach einem Jahr umso freier zu behaupten: „Ich sehe nicht, dass wir bei dem Versuch, in Afghanistan Frieden zu schaffen, weiter gekommen sind.“

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