Politik : Markenbewusstsein

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Früher, liebe Kinder, früher war das mit den sektiererischen revolutionären Bewegungen so, dass es ziemlich lange dauern konnte bis zur ersten umstürzlerischen Tat. Nicht, dass es an Willen gefehlt hätte, an rednerischer Energie oder an argumentativer Durchschlagskraft. Gefehlt hat es an Briefmarken. Einen Fotokopierer, im Notfall eine Spiritus-Umdruckmaschine hat noch jede Bewegung auftreiben können; für die Beschaffung von Papier und Briefumschlägen waren Gründungsmitglieder mit Zugang zu öffentlichen oder privaten Büroräumen in der Pflicht. Aber wie die Aufrufe zur Solidarität unters Volk verbreiten? Das Flugblattverteilen vor Werktoren haben auch sehr zornige Befreier des Proletariats rasch eingestellt, weil der Zulauf an revolutionären Massen auszubleiben pflegte. So blieb, wollte die Bewegung nicht auf den Tapetentisch in der örtlichen Fussgängerzone als Forum der Selbstdarstellung beschränkt bleiben, nur der Schriftverkehr mit mutmaßlich Gleichgesinnten. Es war ein harter Einschnitt in die Kampfkasse. Weswegen solche Schreiben nicht nur die Soli-Kontonummer zu tragen pflegten, sondern einen weiteren sehr dringenden Zusatz: „Bitte sendet Briefmarken!“

Heutige revolutionäre Bewegungen senden E-Mails. Kostet fast nichts. Dass der Umsturz dadurch deutlich beschleunigt würde, kann man so direkt aber auch nicht sagen. Wir lernen: Die Bedeutung der Briefmarke im revolutionären Kampf ist seinerzeit völlig überschätzt worden.

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