Markus Löning : "Nicht in Wettbewerb mit Taliban eintreten"

Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe verteidigt die pakistanische Regierung im Umgang mit der Flutkatastrophe

Ich habe in der Hauptstadt Islamabad mit Vertretern der pakistanischen Regierung und Mitarbeitern großer UN-Organisationen gesprochen. Am Samstag war ich in Peschawar, traf Mitglieder der Regierung der Nordwest-Provinz und besichtigte zwei Dörfer. Eines stand noch unter Wasser, in dem anderen beginnen die Menschen nach dem Rückgang der Flut schon wieder mit Aufräumungsarbeiten. Das größte Problem in abgelegenen Gebieten ist, dass die Menschen dort hungern, weil es zu wenig Nahrung gibt. Generell fehlen fast überall Übergangsunterkünfte. Der Chef des Krisenstabes in Islamabad sagte mir, er brauche 1,5 Millionen Zelte. In allen Hochwassergebieten besteht die Gefahr von Seuchen, weil die Menschen kein sauberes Trinkwasser haben. Solche Krankheiten treffen vor allem die Kinder hart, die dann auch schnelle medizinische Versorgung brauchen.

Wie gehen die Pakistaner damit um?

Die Menschen sind teilweise sehr verzweifelt. Ich habe mit einem alten Mann gesprochen, dessen Haus nur noch ein Schutthaufen war. Er versuchte verzweifelt mit einer Schaufel, aus den Trümmern noch Habseligkeiten zu retten. Und natürlich lässt niemanden das Schicksal der Kinder kalt, die versuchen, irgendwie durchzukommen. Auf der anderen Seite habe ich gespürt, dass viele Opfer der Flutkatastrophe den Willen haben, neu anzufangen und das Beste aus ihrer schlimmen Lage zu machen. Sie wollen, sobald die Flut das zulässt, ihre Felder wieder bestellen, damit sie nicht noch eine weitere Ernte verlieren.

Sie appellieren an die Deutschen zu spenden. Geht es auch darum, ein Abgleiten der Atommacht Pakistan in die Unregierbarkeit zu verhindern?
Zunächst halte ich es für eine Frage der Mitmenschlichkeit, dass wir spenden. Da sollte man viele andere, sicher auch berechtigte Fragen zunächst einmal zurückstellen und sich vor Augen führen, dass es hier für Hunderttausende von Kindern und Millionen anderer Menschen um das nackte Überleben geht. Wir sollten nicht in irgendwelche gedanklichen Wettbewerbe mit den Taliban eintreten. Die Menschen in Pakistan mögen die Extremisten genauso wenig wie wir. Wenn wir ihnen helfen, helfen nicht die falschen.

Es gibt Berichte, wonach der pakistanische Staat bei der Fluthilfe versage und islamistische Organisationen in die Bresche springen würden. Ist das auch Ihr Eindruck?

Nein. Die Regierungsvertreter haben mir gesagt, dass sie die Dimension der Katastrophe zunächst nicht begriffen haben. Diese Phase ist aber vorbei. 15 Millionen Menschen sind betroffen, ein Drittel des Landes steht unter Wasser, das war schlicht nicht vorhersehbar. Inzwischen haben sich die staatlichen Stellen organisiert, die Armee funktioniert als Krisenhelfer sehr gut. Es gibt ein erstes Hilfsprogramm für Menschen, die ihre Häuser verloren haben. Die pakistanische Verwaltung ist auf dem richtigen Weg.

Die Bundesregierung hat rund 40 Millionen Euro bereitgestellt. Reicht das?

Das ist viel Geld, es wird aber sicher nicht reichen. Zum Glück ist Deutschland weltweit nicht der einzige Helfer.

Das heißt, Sie appellieren weiter an die Spendenbereitschaft der Deutschen. Können Sie Spendern Mut machen, dass ihr Geld auch wirklich ankommt und nicht in die Taschen korrupter Beamter fließt?

Das war die erste Frage, die ich Hilfsorganisationen aus Deutschland gestellt habe, die in Pakistan tätig sind und viel Erfahrung haben. Ich kann gut verstehen, dass sich Spender Sorgen machen, aber nach meinem Eindruck sind diese Sorgen unbegründet. Alle diese Organisationen, wie etwa das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas, die Diakonie, die Johanniter oder die Malteser haben mir versichert: Wer für ihre Pakistan-Hilfe spendet, kann sicher sein, dass sein Geld direkt bei den Menschen ankommt, die es nötig haben.

Markus Löning ist Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Das Gespräch mit ihm führte Hans Monath.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

11 Kommentare

Neuester Kommentar