Politik : Marokkos Frauenpower

Sie sind als Erste auf die Straße gegangen, ab Ende der 90er Jahre. 2004 setzten sie ein moderneres Familienrecht durch – mithilfe des Königs. Sie legten den Keim für die heutige Demokratiebewegung

Andrea Nüsse[Marrakesch]
Fotos: Beate Achilles
Fotos: Beate Achilles

Auch im Königreich Marokko demonstrieren die Menschen für politische und soziale Reformen. Die Bewegung des 20. Februar, benannt nach dem Tag der ersten Protestdemonstrationen, ist jung, nutzt Twitter und Facebook und ähnelt den Gruppierungen in Tunesien und Ägypten. Mit dem Unterschied: Bisher ist es keine Massenbewegung. Denn Marokko hat seine „bleiernen Jahre“ schon 1999 beendet. Damals, nach dem Tod seines Vaters Hassan II., bestieg König Mohammed VI. den Thron. Er ließ die Verbrechen der Vergangenheit aufarbeiten, liberalisierte ein wenig die Presse, und vor allem schlug er sich auf die Seite der Frauen: Der jahrelange Kampf und die Mobilisierung der Frauen gipfelte 2004 im reformierten Familienrecht, genannt Mudawana, welches die rechtliche Gleichstellung der Frauen in Marokko entschieden vorangetrieben hat.

Kernpunkte der Reform sind: Die Ehefrau und der Ehemann sind gemeinsam und gleichberechtigt für den Haushalt und die Familie verantwortlich; die bisherige Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen, wird abgeschafft. Die Frau braucht keinen Vormund mehr, um zu heiraten. Die Möglichkeiten der Vielehe werden stark eingeschränkt. Der Ehemann kann seine Frau nicht mehr ohne weiteres verstoßen; den Frauen wird die Scheidung erleichtert. Das Mindestheiratsalter für Frauen wird auf 18 Jahre heraufgesetzt. Eines der Argumente der Frauenbewegung war, dass es keine Bürgerrechte geben kann, solange Frauen nicht die gleichen Rechte wie Männer besitzen.

Viele Marokkaner und Marokkanerinnen sammelten damals solide Erfahrung, wie man Lobbyarbeit betreibt, sich vernetzt, organisiert und politische Entscheidungen beeinflusst. Mit diesem Know-how in Sachen Demokratie sind sie den Menschen in anderen arabischen Ländern voraus. Diese Erfahrung könnte der Demokratisierung zugute kommen – oder aber auch den Konflikt mit dem König verstärken, wenn dessen für Mitte Juni angekündigte Verfassungsreform nicht weit genug geht. Wir stellen einige der Vorreiterinnen der Bürgerrechtsbewegung vor.

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