Politik : Marsch in die Provinz

Die Nato übernimmt das Kommando in Kabul. Die Deutschen wollen präsent bleiben – im Norden des Landes

C. Merey,D. Hülsmeier

DER INTERNATIONALE EINSATZ IN AFGHANISTAN

Kabul. Scharfschützen kauern auf den Dächern, Kampfhubschrauber kreisen in der Luft, gepanzerte Truppentransporter umfahren im Schritttempo Sperren aus Stacheldraht und Sandsäcken auf dem Weg in die deutsche Amani-Oberschule in Kabul. Das Gebäude war zur Übergabe des Kommandos der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (Isaf) von Deutschland und den Niederlanden an die Nato in eine Festung verwandelt worden.

Die scharfen Sicherheitsmaßnahmen waren nötig, obwohl die Hauptstadt noch als „sicherer Hafen“ – so der am Montag abgelöste Isaf-Kommandeur Norbert van Heyst – im kriegsgeplagten Afghanistan gilt. Niemand bezweifelt mehr, dass der brüchige Frieden in dem Land gefährdet ist, wenn es nicht bald gelingt, die relative Sicherheit Kabuls auch in die Provinzen zu tragen. In zehn Monaten sollen die ersten freien Wahlen in der Geschichte Afghanistans stattfinden – ein Meilenstein im Friedensprozess. Doch in vielen Provinzen herrscht ein Klima der Angst. Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) warnte vor der Gefahr eines Rückfalls Afghanistans in „Anarchie und Chaos“.

Übergangspräsident Hamid Karsai bemühte sich, bei der Zeremonie zur Kommandoübergabe im schmucklosen grauen Festsaal der Schule ein optimistisches Bild vom Wiederaufbau zumindest Kabuls zu zeichnen. Er redete von Schulen, Geschäften, Restaurants und Investitionen in der quirligen Hauptstadt. Die Misere der Provinzen vor allem im Süden Afghanistans erwähnte Karsai nicht. Er dankte der Isaf innig dafür, dass sie seine Regierung unterstützt und es möglich macht, dass Kabul wieder Anschluss an die Zivilisation findet. Die Isaf sichert letztlich auch das politische Überleben Karsais.

Denn nicht die Zentralregierung in Kabul, sondern regionale Warlords haben in den Provinzen oft das Sagen. Besonders im Süden und Osten des Landes beweisen regelmäßige Angriffe, dass Taliban und Al Qaida noch längst nicht besiegt sind. Ironisch meinen Beobachter, Karsais Macht reiche nicht über die Mauern des Präsidentenpalastes hinaus.

Da die von Karsai gewünschte massive Stationierung von mindestens 10 000 Soldaten in den Provinzen von der internationalen Gemeinschaft nicht mitgetragen wird, soll nun eine „Light“-Version aus regionalen Aufbauteams zumindest etwas Stabilität in die Provinzen bringen – und den Einfluss der Karsai-Regierung dort stärken. Auch Deutschland will nach langem Zögern mitmachen. In der Diskussion, wo die gemischte Gruppe aus Soldaten und Helfern eingesetzt werden kann, geht es in Berlin aber offenbar zwischen Kanzleramt, Auswärtigem Amt und Verteidigungsministerium hin und her.

Nun soll plötzlich das nordafghanische Kundus geprüft werden, nachdem ein Erkundungsteam im Juni zunächst Herat im Westen und Charikar nahe Kabul sondiert hatte. In Kundus an der Grenze zu Tadschikistan ist bereits ein US-Team im Einsatz. Das Team aus 40 Soldaten und zwei zivilen Helfern hat sich in einem Gehöft verschanzt. Das ist genau das, was die Deutschen nicht wollen. Sie wollen ihre Wiederaufbauarbeit sichtbar machen, nicht die Militärpräsenz. Mindestens 100 Helfer wären dafür in Kundus nötig. Nach einem Gespräch mit Karsai sagte Struck, die afghanische Übergangsregierung habe Kundus als geeignetes Gebiet für die Stationierung deutscher Soldaten erklärt. (dpa)

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