Martenstein : Liebesverbot als Prävention?

Wenn Populisten und Paranoiker das große Wort führen. Harald Martenstein nennt aus aktuellem Anlass ein paar nützliche Zahlen.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Lassen Sie sich nicht täuschen. Deutschland ist ein Land, in dem es zum Glück relativ wenig Gewalt gibt. In der Mordstatistik liegt Deutschland innerhalb der 25 Staaten der EU auf dem viertletzten Platz. Noch weniger Morde als in Deutschland – gerechnet pro 100.000 Einwohner – gibt es nur in Zypern, in Griechenland und, ein wenig überraschend, in Österreich. Die meisten Morde geschehen in den drei baltischen Staaten. Durch Mord oder Totschlag kamen 2005 in Deutschland offiziell 891 Menschen ums Leben, in Wirklichkeit natürlich einige mehr, denn es gibt eine Dunkelziffer.

Im gleichen Jahr starben in Deutschland durch Aids 720 Personen, durch illegale Drogen 1326 Personen, durch Straßenverkehr 5361 Personen und durch Selbsttötung 10.260 Personen. Auf jeden Ermordeten kommen etwa ein Dutzend Selbstmorde. Erfreulicherweise sinkt in Deutschland seit Jahrzehnten die Mordrate, kontinuierlich und deutlich. 2005 waren es rund 900 Taten, im Jahr 2000 gab es noch 1100 bekannte Tötungsdelikte, 1995 waren es 1400.

Diese Zahlen werden niemanden trösten, der einen geliebten Menschen verloren hat, und damit soll auch nicht gegen eine vernünftige Verbrechensprävention argumentiert werden. Aber es ist nützlich, diese Zahlen zu kennen, wenn wieder einmal, wie im Moment, die Populisten und die Paranoiker das große Wort führen.

Eine Statistik der Mordmotive ist schwieriger zu erstellen. Nicht selten kommen mehrere in Kombination vor. Die meisten Kriminologen nennen drei Beweggründe, auf die mehr als 95 Prozent aller Morde sich zurückführen lassen: Rache, Geldgier, vor allem aber, im weitesten Sinn, Leidenschaft. Tatsächlich wäre, von allen denkbaren Verboten und Gesetzesänderungen, die in der Mordprävention statistisch wirksamste Maßnahme ohne jeden Zweifel ein Verbot der Liebe, am besten kombiniert mit einem Verbot der Sexualität. Das ist natürlich schwierig zu kontrollieren. Andererseits, auch die regelmäßigen, unangekündigten Kontrollbesuche der Polizei in den Haushalten der deutschen Sportschützen sind keine einfach durchzuführende Sache, und dies ist immerhin eine Idee der Bundeskanzlerin. Mit der Liebe und der Sexualität ist es vielleicht so ähnlich wie mit dem Computerspiel „World of Warcraft“, solange man es in Maßen betreibt und alt genug ist, bleibt es wahrscheinlich harmlos.

Nein, ein Totalverbot der Liebe ist nicht realistisch. Was durchgeführt werden kann, sind regelmäßige behördliche Beziehungskontrollen, bei denen Psychologen genau hinschauen – kippt da etwas in eine Amour Fou, bahnt sich ein Eifersuchtsdrama an? Ist ein Paar zu jung für den Strudel der Gefühle, in dem es treibt? Fragt sich nur, ob das Land Berlin oder ob der Bund die Kosten der Kontrollbesuche trägt.

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