Martenstein über Christian Lindner, FDP, AfD : Nicht nazimäßig genug?

FDP-Chef Christian Lindner will keine ehemaligen AfD-Mitglieder aufnehmen. Harald Martenstein findet das merkwürdig und erinnert an ehemalige NSDAP-Mitglieder in der FDP.

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Harald Martenstein macht sich Gedanken, was wohl FDP-Chef Christian Lindner antreibt.
Harald Martenstein macht sich Gedanken, was wohl FDP-Chef Christian Lindner antreibt.Foto: picture alliance / dpa

Vielleicht ist es nicht mehr unbedingt ein Thema für die Homepage – trotzdem: Was ist eigentlich aus der FDP geworden? Die jüngste Nachricht betrifft den Parteivorsitzenden Christian Lindner. Dieser hat über Twitter verkündet, dass die FDP, von Ausnahmen abgesehen, keine ehemaligen Mitglieder der AfD aufnimmt. Zahlreiche Menschen haben nämlich die AfD verlassen und suchen eine neue politische Heimat, weil die AfD ihnen zu unliberal und national geworden ist. Lindners Begründung: „Wir wollen keine Mitläufer“.

Der Vorgang wirkt auf Kenner der FDP-Parteigeschichte in hohem Maß verwirrend. Die FDP hat nämlich zwei Ehrenvorsitzende. Der erste, der hochbetagte Walter Scheel, war Mitglied der NSDAP. Der zweite, Hans-Dietrich Genscher, ist zuerst Mitglied der NSDAP gewesen, danach war er Mitglied der LPD, später LDPD, einer SED-nahen Blockpartei der DDR. Heißt das also, dass die AfD, die zwar rechts ist, aber keine Nazipartei, Christian Lindner einfach nicht nazimäßig genug ist? Das sind Weicheier, das ist nicht das Material, aus dem wir unsere Ehrenvorsitzenden schmieden, will er das sagen?

Die Sache mit den Mitläufern

Oder deutet er mit dem Satz „Wir wollen keine Mitläufer“ etwa an, dass Scheel und Genscher in der Nazizeit doch mehr gewesen sind als einfache Mitläufer und sich auf diese Weise für eine FDP-Mitgliedschaft erfolgreich qualifizieren konnten? Fest steht, dass die FDP, wenn sie in Zukunft nur noch ehemalige NSDAP-Mitglieder aufnimmt und niemanden aus anderen Parteien, es über kurz oder lang mit einem gewaltigen Überalterungsproblem zu tun bekommt. Lindner schien doch eher für eine Verjüngung zu stehen.

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner spricht am 15.05.2015 beim Bundesparteitag der Freien Demokraten (FDP) in Berlin.
Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner spricht am 15.05.2015 beim Bundesparteitag der Freien Demokraten (FDP) in Berlin.Foto: dpa

Zu denken gibt auch die Tatsache, dass die FDP-Aspiranten die AfD ja deshalb verlassen haben, weil die AfD ihnen zu rechts ist. Sie sind gegen rechts außen, und deshalb will die neue FDP nichts mit ihnen zu tun haben? Womöglich hat Christian Lindner gar nicht mitbekommen, dass sein Mentor Genscher heute gar kein Nationalsozialist mehr ist. Er will ihn nicht kränken. Aus der NSDAP ausgetreten ist Genscher tatsächlich nie.

Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich betonen, dass ich Genscher trotzdem für einen ehrenwerten Mann halte. Menschen sind fehlbar, es gibt ein Recht auf politischen Irrtum. Dieser Satz gehört zum Kernbestand liberalen Denkens. Lindner verhält sich also antiliberal im Quadrat – wieso? Vermutlich, weil die Partei sich für Koalitionen mit SPD und Grünen öffnen und sich dort beliebt machen will. Womöglich gibt’s bald wieder Posten zu verteilen!

Die FDP ist sich also treu geblieben, sie verhält sich so prinzipienlos, wie man es aus der Zeit vor ihrem Absturz in Erinnerung hat. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Gerhart Baum natürlich ausgenommen.

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