Martenstein über die AfD : Was Höcke mit totalitären Bewegungen gemein hat

Harald Martenstein ist als Prophet eine Null. Aber er würde sagen: Im Falle einer Machtergreifung durch Björn Höcke säßen Frauke Petry und Bernd Lucke bald zusammen im Knast. Eine Betrachtung.

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Thüringens AfD-Abgeordneter Stephan Brandner liest den Pressespiegel mit einem Artikel über Fraktionschef Björn Höcke.
Thüringens AfD-Abgeordneter Stephan Brandner liest den Pressespiegel mit einem Artikel über Fraktionschef Björn Höcke.Foto: Martin Schutt/dpa

Als Prophet bin ich eine Null. Ich habe vorhergesagt, dass Trump die Wahlen verliert. Ich habe prophezeit, dass die bürgerlichen Wähler der AfD davonlaufen, wenn sie sich nicht glaubwürdig vom Antisemitismus und Rassenideologien distanziert. Zwei Flops. Nun sind ein paar Monate vergangen, und der AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke hat in Dresden eine Rede gehalten. Der Tagesspiegel hat sie veröffentlicht, weil sie ein wichtiges Dokument ist. Man sollte sie lesen.

Höcke wird vor allem vorgeworfen, dass er das Gedenken an die Naziopfer und das Holocaust-Mahnmal eine „Schande“ nennt. Zwei andere Aspekte seines Denkens sind aber mindestens ebenso bemerkenswert. Zum einen droht er, natürlich verklausuliert, mit einem gewaltsamen Umsturz. Zitat: „Die AfD ist die letzte evolutionäre, die letzte friedliche Chance für unser Vaterland. Um ihren historischen Auftrag nicht zu verraten, muss die AfD Bewegungspartei bleiben.“

Ich lese das so: Wenn es mit der friedlichen Machtergreifung nicht klappt, dann können wir auch anders. Das Wort „Bewegungspartei“ ist eine klare Absage an die auf Institutionen, Gesetze und Regeln fixierten Konservativen, die ein Bestandteil jedes demokratischen Parteienspektrums sind.

Der erste Parteivorsitzende, Bernd Lucke, war vergleichsweise gemäßigt. Höcke über die Lucke-Anhänger, leicht gekürzt: „Mit Bernd Lucke sind nicht alle die gegangen, die ihren Frieden mit der Rolle eines Juniorpartners in einer Koalition mit einer Altpartei gemacht haben. Manche von diesen Luckisten sind geblieben.

Höcke richtet sich auch gegen Abweichler in der eigenen Partei - die „Halben“

Das sind die, die keine innere Haltung besitzen, die Establishment sind. Nicht wenige von diesen Typen drängen jetzt als Bundestagskandidaten auf die Listen. Nicht wenige werden sich schnell sehr wohlfühlen bei den Frei-Fressen- und Frei-Saufen-Veranstaltungen der Lobbyisten. Ich will, dass wir diesen Halben einen Strich durch die Rechnung machen.“

Es ist ein Kennzeichen totalitärer Bewegungen, dass sich ihre Gewalttätigkeit immer auch gegen die eigenen Anhänger richtet, gegen die Abweichler, die „Halben“. Zehntausende Kommunisten sind Stalins Terror zum Opfer gefallen, auch der klügste Kopf der KPdSU, Leo Trotzki. Adolf Hitlers erste Mordorgie richtete sich gegen die Führung der SA und seinen Duzfreund Ernst Röhm. 200 Männer, an deren bedingungsloser Treue Hitler zweifelte, wurden 1934 an die Wand gestellt, das war die Generalprobe.

Ich setze nicht etwa die AfD insgesamt mit der NSDAP gleich, nicht einmal Höcke mit Hitler, ich spreche ganz allgemein über Fanatismus jedweder Art. Wenn ich Prophet wäre, würde ich sagen: Im Falle der Machtergreifung durch Höckes Leute sind die Luckisten als Erste dran, und Frauke Petry sitzt mit Lucke im gleichen Knast. Aber als Prophet bin ich eine Null.

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