Martenstein zur Sexismus-Debatte : Der neue Star ist der Opferstar

Wenn neuerdings Leuten Formulierungen anderer vorgeworfen werden, nur weil sie als Zuhörer nicht sofort dagegen protestiert haben, dann sind wir wirklich in der Hölle. In der Hölle der totalen Überwachung. Eine Glosse.

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Der CDU-Generalsekretär Peter Tauber muss sich zurzeit gegen Vorwürfe wehren.
Der CDU-Generalsekretär Peter Tauber muss sich zurzeit gegen Vorwürfe wehren.Foto: dpa

Die CDU wird von einer Reihe beispielloser Sittenskandale erschüttert. Sodom und Gomorrha! Frank Henkel hat eine Nachwuchsperson seiner Partei, Jenna Behrends, vor einiger Zeit „große süße Maus“ genannt. Außerdem soll er, allerdings nicht in ihrer Gegenwart, das derbe Wort mit „f“ verwendet haben, welches für Geschlechtsverkehr steht.

Menschen vergreifen sich manchmal im Ton. Jedes Mal ist ein Mal zu viel, man darf sich dagegen wehren, man sollte dies allerdings sofort tun und direkt, nicht hintenherum. Der andere muss die Chance haben, sich zu entschuldigen. Sobald man der Sache aber das Label „Sexismus“ aufkleben kann, springen viele drauf an wie Pawlow’sche Hunde, ein Gefühl für Verhältnismäßigkeit existiert nicht mehr. Da wird man schnell zum Star, genauer gesagt, zu einer neuen Art von Star, einem Opferstar. Dieser Versuchung konnte Frau Behrends wohl nicht widerstehen.

Sexismus ist natürlich wirklich ein Problem, es gibt aber auch Sexismus gegen Männer. Niemand weiß das besser als Frau Behrends. Zum Beispiel hat sie geschrieben, man dürfe die Politik nicht „alten Männern überlassen“. Was würde passieren, wenn Frank Henkel erklären würde, Politik sei zu wichtig, um sie jungen Frauen zu überlassen?

Der Vorwurf "Sexismus" ist heute eine Waffe im Karrierekampf

Der Vorwurf „Sexismus“ ist heute eine Waffe im Karrierekampf. Auch Peter Tauber steht am Pranger, der CDU-Generalsekretär. 2012 soll in einem E-Mail-Austausch über eine Parteifreundin, die für ein Amt im Gespräch war, die Formulierung verwendet worden sein: „Rein optisch wäre sie ein Gewinn.“ Nicht Tauber hat das geschrieben, ein anderer war es. Tauber hat aber nicht protestiert. Das ist der Vorwurf. Geht es noch blöder?

Wenn neuerdings Leuten Formulierungen vorgeworfen werden, die andere in ihrer Gegenwart verwenden, nur weil sie als Zuhörer nicht sofort protestiert haben, dann sind wir wirklich in der Hölle – nicht in der Sexismushölle, sondern in der Hölle der totalen Überwachung. Und wenn es schon Sexismus ist, wenn ein Mensch im Gespräch einen anderen Menschen, in keineswegs herabsetzenden Worten, als gutaussehend bezeichnet, dann hilft nur noch die totale Tabuisierung alles Körperlichen, wie in Saudi-Arabien.

Substanzieller ist der Vorwurf gegen Tauber, eine Parteifreundin gemobbt zu haben, genannt „das Kaninchen“. In dem Mobbing-Verschwörungs-Papier steht der Satz: „Wenn das Kaninchen zum Gegenangriff ansetzt, muss die Jagd natürlich abgeblasen werden.“ Das zum Beispiel ist ein Satz, den auch sehr gut Raed Saleh über Michael Müller gesagt haben könnte. In der SPD wären sie ja alle erleichtert, wenn Raed Saleh den Parteifreund Müller „große süße Maus“ nennen würde. Dies wäre immerhin ein parteiinternes Entspannungssignal.

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