Martensteins Kolumne : Kurras und Ohnesorg: Der Spießer wird seltener

Karl-Heinz Kurras, der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hat, war Kommunist. Wenn diese Tatsache damals, 1967, bekannt geworden wäre, dann hätten die meisten Studenten der APO sie vermutlich nicht geglaubt.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Man hätte das für einen weiteren finsteren Trick der Bourgeoisie gehalten. Und selbst wenn wir uns die Figur Kurras ganz aus der deutschen Geschichte wegdenken, wenn wir den Studenten Ohnesorg in Gedanken auferstehen lassen – ändert sich etwas? Vielleicht wäre der Terrorismus etwas weniger blutig ausgefallen. Vielleicht auch nicht. Man vergisst zu oft, dass Achtundsechzig ein weltweites Phänomen gewesen ist, kein deutsches, auch der Terrorismus war keine deutsche Spezialität und keine Folge des 2. Juni 1967.

Der SDS benutzte ein marxistisches Vokabular, die Studenten glaubten, dass es in ihrem Kampf um einen Konflikt zwischen dem stets zum Faschismus tendierenden Kapitalismus und dem Sozialismus geht, den sie für das humanere System hielten. Deswegen waren die Studenten und auch später die Terroristen für die DDR interessante Bündnispartner, obwohl die DDR-Führung auf der anderen Seite kaum etwas so sehr hasste wie Unordnung, Hippietum, Frechheiten und Freiheit. Sie irrten sich beide, die Studenten und die DDR. Es ging, wie man heute weiß, nicht um links oder rechts, Kapitalismus oder Sozialismus, die wahren Fronten verliefen anders.

Kurras, inzwischen über achtzig, hat bis heute ein gutes Gewissen, er sagt, dass er eigentlich mehrere von diesen Typen hätte erschießen müssen. Kurras, ordentlich, sauber, stramm, autoritär und autoritätshörig, Befehlsempfänger und Schläger, immer im Recht, niemals im Zweifel, der ewige Spießer. Er sagt: „Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend.“ Dieser Typus gedieh im Nazideutschland, er gedieh in der DDR, und er gedieh auch im Milieu der „Bild“-Leser und CDU-Wähler von 1967, die jeden Langhaarigen am liebsten an die Laterne gehängt hätten. Kurras kann Kommunist sein, Nazi, es ändert wenig, er ist ein Charakter, kein politisches Programm. Dieser Charakter ist nicht ausgestorben, er wird niemals aussterben, aber er ist in Deutschland doch seltener geworden. Ein bisschen mag diese erfreuliche Veränderung mit Achtundsechzig zusammenhängen, obwohl Achtundsechzig auch, als Angebot für diesen Typus, eigene Varianten des Spießertums hervorgebracht hat: den fanatischen Öko oder die Hardcore-Feministin. Alles in allem aber ist dieses Land, jetzt, am 60. Geburtstag des Grundgesetzes, doch ziemlich entspannt. Deutschland ist über Karl-Heinz Kurras hinweggekommen, ein Grund zum Feiern.

Weitere Hintergründe zum Thema

finden Sie auf den Seiten 5 und 8

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