Martin Gehlen berichtet aus Kairo : Aufruhr in Ägypten

Mit einer neuen Massenkundgebung am Dienstag will die Opposition den Druck auf Staatschef Hosni Mubarak noch einmal erhöhen. Die Bundesregierung rät ab sofort von Reisen nach ganz Ägypten ab.

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Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug feiern auch die Soldaten mit.Weitere Bilder anzeigen
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12.02.2011 10:47Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug...

Eine Woche nach Beginn der Unruhen in Ägypten hat die Opposition den Druck auf die Regierung von Präsident Hosni Mubarak verstärkt. Die Bewegung rief das Volk für diesen Dienstag zu einem Generalstreik und einem „Marsch der Million“ auf. Nach Plänen der Organisatoren will die Menge von dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo zu dem Präsidentenpalast in Heliopolis ziehen. Am Abend gab es erste Hinweise, dass der 82-jährige Diktator den Rückhalt seiner Armee verliert. Ein Militärsprecher nannte die Forderungen der Demonstranten legitim und erklärte, die Soldaten würden nicht mit Gewalt gegen das eigene Volk vorgehen.

Im Gegenzug gab der neu ernannte Vizepräsident Omar Suleiman im Fernsehen bekannt, die Führung sei bereit, sich mit allen politischen Kräften des Landes an einen Tisch zu setzen. Israel forderte die USA und europäische Länder zur Unterstützung Mubaraks auf.

Unbestätigten Berichten zufolge soll es eine Gegendemonstration zum "Marsch der Millionen" geben, bei der sich regimetreue Kräfte versammeln wollen.

Die Bundesregierung rät ab sofort von Reisen nach ganz Ägypten ab. Dies sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Dienstag in Berlin. Die verschärfte Reisewarnung gilt auch für die Touristengebiete am Roten Meer.

Mubarak vereidigte am Montag das neue Kabinett, dem fast alle bisherigen Minister wieder angehören. Abgelöst wurde allerdings der verhasste Innenminister Habib el Adli, sein Nachfolger ist General Mahmud Wagdi. Neuer Geheimdienstchef wurde General Murad Mowafi, nachdem der bisherige Chef Suleiman zum Vizepräsidenten ernannt worden war. In Kairo kam es trotz Ausgangssperre erneut zu Protesten. Mehr als 100.000 Menschen versammelten sich auf dem Tahrir-Platz. Viele zeigten sich entschlossen, bis zu einem Rücktritt Mubaraks dort auszuharren. Freiwillige kontrollieren die Ausweise aller Ankommenden, um Polizisten und Geheimpolizisten den Zutritt zu verwehren. Der Platz ist weiter von Panzern umringt. Soldaten hinderten die Menschen aber nicht am Weiterkommen.

Die Kommunikation über das Internet ist in Ägypten inzwischen nahezu unmöglich geworden. In der Nacht zu Dienstag sperrte das Regime auch den letzten noch funktionierenden Internet-Provider. Der Internetkonzern Google will der ägyptischen Opposition bei der Kommunikation helfen. Wie das Unternehmen im kalifornischen Mountain View in seinem Firmenblog mitteilte, soll es möglich sein per Telefonanruf zu twittern.

Die Nachricht müsse als Voicemail bei den internationalen Rufnummern +1 650 419 4196 oder +39 06 62 207 294 oder +97 316 199 855 hinterlassen werden. Die Nachrichten würden dann mit dem Schlagwort „egypt“ augenblicklich bei Twitter veröffentlicht. Sie können über dieselben Nummer empfangen oder über twitter.com/speak2tweet gehört werden.

Israel warnt angesichts der Unruhen in Ägypten vor einer Machtübernahme radikaler Islamisten. Staatspräsident Schimon Peres sagte nach Angaben des israelischen Armeesenders, die Herrschaft religiöser Fanatiker wäre nicht besser als ein Mangel an Demokratie unter dem ägyptischen Präsidenten Mubarak. „Wir hatten und haben immer noch großen Respekt für Präsident Mubarak“, sagte Peres in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu den Unruhen in Ägypten.

Bei den deutsch-israelischen Regierungskonsultationen drängte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Israel zu weiteren Fortschritten im Nahost-Friedensprozess. Angesichts der aktuellen Lage sei es in Israels Interesse, den Prozess zu beschleunigen, sagte sie bei einem Gespräch mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Jerusalem. Beide Politiker reagierten mit Sorge auf die Entwicklung im Nachbarland, hieß es nach Angaben aus Regierungskreisen. mit AFP/dpa/rtr

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