Martin Schulz' ehemaliger Vize im Interview : "Das wird ein sehr harter Weg für ihn"

Arbeitsplätze schaffen, Wohngebiete erschließen, gegen die NPD kämpfen. Im Würselen der 80er Jahre musste man pragmatisch sein. Karl-Jürgen Schmitz erinnert sich an die Zeit, als Martin Schulz Bürgermeister war.

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Martin Schulz soll die SPD wieder nach vorne bringen. Angefangen hat er in Würselen, Nordrhein-Westfalen, als Bürgermeister.
Martin Schulz soll die SPD wieder nach vorne bringen. Angefangen hat er in Würselen, Nordrhein-Westfalen, als Bürgermeister.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Karl-Jürgen Schmitz, seit 1999 Fraktionsvorsitzender der CDU Würselen, war jahrelang Vize-Bürgermeister neben Martin Schulz. Der 1954 in Würselen geborene Rechtsanwalt kam 1984 gemeinsam mit Schulz in den Rat der Stadt. Seitdem verbindet die beiden politischen Gegner eine Freundschaft.

Herr Schmitz, Sie kennen Martin Schulz seit 1984 und sind bis heute befreundet. Haben Sie ihm schon zur Kanzlerkandidatur gratuliert?

Ich weiß nicht ob, ich ihm dazu gratulieren soll. Ich glaube, das wird ein sehr harter Weg für ihn. Wer weiß, ob er das nicht unterschätzt. Aber ich kenne ihn gut, was er sich vornimmt, macht er auch richtig. Er ist ein Kämpfertyp und er wird die eigene Partei motivieren. Ich unterstelle Martin Schulz, dass er, wenn er eine Aufgabe anpackt, die auch mit Herz und nach bester Art anpackt.

Wofür stand er denn damals, als er Bürgermeister von Würselen war?

Wir sind auf kommunaler Ebene tätig gewesen. Da sind weniger ideologische Fragen zu klären, sondern praktische. Wir waren täglich auf der Suche nach pragmatische Lösungen für die Stadt. Es ging vor allem um die Schaffung von Arbeitsplätzen. Der Bergbau war nur wenige Jahre vorher eingestellt, die Grube Gouley einige Jahre zuvor geschlossen worden. Da mussten wir umstrukturieren. Also haben wir versucht, Firmen anzusiedeln, was uns sehr gut gelungen ist. Das Gleiche galt auch bei der Erschließung von Wohngebieten. Aber auch der Kampf gegen Rechts war Thema; Ende der 80er Jahre gab es eine Phase, in der die NPD stärker wurde. Da haben wir sehr deutlich gemacht, dass wir dem nicht tatenlos zusehen werden, haben uns klar positioniert und sind auf die Straße zum Demonstrieren gegangen. Martin Schulz ist im Kampf gegen die AfD deshalb auch absolut glaubwürdig.

Ihr Verhältnis damals war also ein gutes?

Es war immer von Vertrauen geprägt. Wir waren das jüngste Bürgermeistergespann Nordrhein-Westfalens, beide knapp über 30. Ich bin nur ein Jahr älter. Wir hatten also die gleiche Lebenserfahrung und waren sehr mit der Stadt verwurzelt. Von daher war es für uns recht einfach, eine gute Ebene der Kommunikation zu finden. Einmal die Woche trafen wir uns zum Essen, unabhängig von politischen Terminen, und haben querbeet Meinungen ausgetauscht. Bis heute habe ich seine private Handynummer. Als er vor zwei Jahren den Karlspreis verliehen bekam, hat er mich vom Palast des Spanischen Königshauses aus angerufen und zur Preisverleihung eingeladen.

"Schulz ist dem linken Flügel der CDU sehr nah"

Karl-Jürgen Schmitz (CDU) war jahrelang Vize-Bürgermeister von Martin Schulz in Würselen.
Karl-Jürgen Schmitz (CDU) war jahrelang Vize-Bürgermeister von Martin Schulz in Würselen.Foto: privat


Wo steht Martin Schulz Ihrer Meinung nach politisch?
Er ist zwar Sozialdemokrat, was sicher seine Ursache darin hat, dass er einen sehr ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit hat. Aber – was er vielleicht nicht gern hört – er kommt schließlich aus einem christdemokratischen Haus. Seine Mutter hat die CDU mitgegründet. In den Grundtendenzen seiner politischen Anschauungen ist er dem linken Flügel der CDU sehr nah. Basierend auf der christlichen Soziallehre. Jedenfalls aber ist er ein Realpolitiker, zwar mit einer Linkslastigkeit, aber ganz klar Realpolitiker.

Worin liegen Martin Schulz’ Stärken?

Er hat großen Erfolg darin, eine Identifikationsfigur zu sein. Er ist ein begnadeter Redner. Außerdem war er immer sehr heimatverbunden – das ist keine Attitüde bei ihm, sondern tatsächlich so gemeint und bis heute so. In Würselen ist er der Martin. So wird er Politik sicher wieder volksnäher machen. Er hat die Fähigkeit, zuzuhören und kann gut auf Leute zugehen, da hat er keine Barrieren.

Wird er Ihrer Parteivorsitzenden als Kanzleramtsanwärter also gefährlich?

Jedenfalls wird er die SPD wieder aufwecken, aber ob die Stimmen da mehrheitlich von den Konservativen als von den Linken und Grünen kommen, bezweifle ich. Ebenso, dass er die Wahl gewinnen wird. In unruhigen Zeiten braucht es die Führung einer ruhigen Hand. Trotz aller Freundschaft ist für mich Angela Merkel deshalb die bessere Wahl. Aber als Merkels zweiten Mann würde ich ihn gerne sehen. Vom Temperament her würden sie sich gut ergänzen.

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