Martti Ahtisaari : „Wir haben uns an diese Konflikte gewöhnt“

Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari lebt Außenpolitik. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über das Versagen der Weltgemeinschaft, die Finanzkrise – und warum Vermittler nicht nett sein dürfen.

Ahtisaari Foto: dpa
Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari. -Foto: dpa

Herr Ahtisaari, Sie waren schon seit Jahren als Kandidat für den Friedensnobelpreis im Gespräch, gingen aber jedes Mal leer aus. Was bedeutet diese Ehrung jetzt für Sie?

Das war eine sehr nette Neuigkeit. Ich muss gestehen, dass ich letztes Jahr gehofft habe, dass der Preis auf meinem Weg liegt. Dieses Jahr war ich recht entspannt. Ich freue mich sehr, weil dieser Preis hoffentlich andere ermutigt, das zu tun, was ich tue.

Was zeichnet einen guten Vermittler aus?

Zuerst einmal braucht man das Vertrauen der Beteiligten. Das erfordert ein gewisses Ansehen. Ich bin nicht immer einfach im Umgang, manchmal bin ich sehr hart. Die Konfliktparteien müssen einsehen, dass sie sich an das halten müssen, was wir vereinbart haben. In den Aceh-Verhandlungen sagte einer der Beteiligten: Mit Ahtisaari wissen wir wenigstens, woran wir sind. Das sehe ich als Kompliment. Ich habe bei anderen Friedensprozessen erlebt, dass die Leute nett sein wollen. Das will ich nicht. Ich will das Problem lösen. Man muss sehr pragmatisch sein, so wie wir das 1999 im Kosovokonflikt waren.

Sechs Jahre später sind Sie ins Kosovo zurückgekehrt, um dessen Zukunft zu klären. Heute ist das Kosovo unabhängig, die Verfassung beruht zum Teil auf Ihrem Plan. Serbien lehnte diesen Plan jedoch von Anfang an strikt ab. Warum war es unmöglich, einen Kompromiss zu erarbeiten, dem auch die Serben zustimmen konnten?

Die Serben weigerten sich, die Geschichte dieses Konflikts ehrlich zu betrachten. Das ist ein generelles Problem, mit dem wir in der heutigen Welt konfrontiert sind. Deutschland ist das einzige Land, das sich ehrlich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Davor verbeuge ich mich. Niemand sonst hat das getan. Es ist vollkommen falsch zu sagen, dass Milosevic und Mladic die einzigen Schuldigen waren. Wenn eine Gesellschaft so handelt wie die serbische es getan hat, dann muss sie die Konsequenzen tragen. Die Lösung für das Kosovo wirkt daher im günstigsten Fall präventiv. Sie sendet eine klare Botschaft: Wenn ein Diktator in irgendeinem Land anfängt, sich gegenüber seinen Bürgern schlecht zu benehmen, dann hat das Konsequenzen. Dann hat die internationale Gemeinschaft die Verantwortung zu intervenieren. In diesem Fall bedeutete das die Unabhängigkeit des Kosovo.

Warum haben Sie für Ihre Arbeit eine eigene Organisation gegründet, die Crisis Management Initiative? Hätten Sie nicht ebenso unter dem Dach der Vereinten Nationen arbeiten können?

Nein. Im Fall von Aceh wollte die indonesische Regierung keine Beteiligung der UN akzeptieren. Deswegen werden solche Organisationen gebraucht. Nach dem Ende meiner Amtszeit als finnischer Präsident hat mir UN-Generalsekretär Kofi Annan das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars angeboten, doch ich habe abgelehnt. Ich wollte mich mit den Ursachen von Konflikten beschäftigen. Wir arbeiten aber viel mit den UN zusammen. Meine Organisation ist eine Art Trainingslager für gut ausgebildete junge Leute. Sie brauchen mich immer weniger, und das ist sehr gut.

Die UN spielen derzeit nicht gerade eine herausragende Rolle im Krisenmanagement. Woran liegt das?

Wir haben absolut keine Entschuldigung dafür, dass wir es zugelassen haben, dass aus einigen Konflikten eingefrorene Konflikte werden: Kaschmir, Sri Lanka, Zypern, der Nahe Osten. Die Konflikte in Afrika gibt es noch nicht so lange. Es ist beschämend, dass wir keine harte Linie gegen jene eingeschlagen haben, die eine Lösung dieser Konflikte verhindern. Damit meine ich nicht, dass wir militärisch gegen sie vorgehen sollen. Der Einsatz von Gewalt würde keine dauerhafte Lösung bringen. Wir brauchen Friedenstruppen. Und wir sollten gegenüber den Beteiligten viel deutlicher werden. Ich ärgere mich immer mehr über die Lage in Sri Lanka. Dort versucht die Regierung den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen, obwohl sie weiß, dass das nicht geht. Noch mehr ärgere ich mich aber über etwas anderes: Wir lassen das geschehen. Wie können wir, die am meisten entwickelten Länder der Welt, noch Respekt erwarten, wenn wir so etwas tun?

Was ist der Grund für dieses Versagen der internationalen Gemeinschaft?

Es fehlt der politische Wille. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, dass es diese Konflikte gibt und dass man nichts dagegen tun muss.

Was erwarten Sie von den Regierungen?

Es wäre gut, wenn sie Organisationen wie meine unterstützen, die gezeigt haben, dass sie zu Ergebnissen kommen. Denn sie unterstützen auch Organisationen, bei denen das nicht so ist. Im Falle von Sri Lanka wäre es höchste Zeit, der Regierung und den tamilischen Rebellen zu sagen: beginnt endlich einen Friedensprozess. Die zentrale Botschaft muss sein, dass die internationale Gemeinschaft nicht untätig bleibt. Es muss so viel Druck ausgeübt werden, dass tatsächlich ernsthafte Gespräche aufgenommen werden. Ich kann es vor mir selbst nicht verantworten, dass wir das entsetzliche Töten unschuldiger Menschen nicht stoppen.

Was sehen Sie heute als größte Bedrohung für den Frieden?

In den nächsten zehn Jahren werden weltweit zwischen 1,2 und 1,3 Milliarden junge Menschen in den Arbeitsmarkt drängen. Von ihnen können mit den bisherigen Mitteln 300 Millionen einen Arbeitsplatz bekommen. Was machen wir mit einer Milliarde Menschen unter 30 Jahren, die keine Arbeit haben? Das ist für mich eine der ganz großen Herausforderungen. Aber wir können sie meistern: Diese jungen Leute können Arbeit finden, durch eine gute Ausbildung oder indem wir sie unterstützen, Unternehmer zu werden. Ich bin im Vorstand einer Organisation in Doha, die sich im Nahen Osten und in Nordafrika um dieses Problem kümmert. . Wenn wir wirklich den Terrorismus bekämpfen wollen, müssen wir diese Menschen, die keine Hoffnung haben, in Arbeit bringen.

Nach dem Krieg in Georgien war vom Beginn eines neuen kalten Krieges die Rede. Was halten Sie davon?

Nirgendwo im Westen will jemand einen kalten Krieg gegen Russland anfangen. Diese Äußerungen sind lächerlich. Es wäre besser, wenn sich die beteiligten Länder auf ihre inneren Angelegenheiten konzentrierten. In den USA muss das Finanzhaus in Ordnung gebracht werden, und Russland muss ein Rechtsstaat werden. Aufgabe der EU wird es sein, die neue Regierung in den USA zurück zu ihren traditionellen Werten zu bringen. Wir brauchen die transatlantische Zusammenarbeit, daran glaube ich fest.

Könnte die Finanzkrise eine Gefahr für die Stabilität werden?

Es gab ja Korrekturmaßnahmen, aber es wird sicher einige Jahre dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren. Die Europäer sind jetzt in der besten Position, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz aufzubauen. Früher war ja viel vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz die Rede, auch wenn wir den nie gesehen haben. Wir müssen die Gier begrenzen. Die Abfindungen für Manager müssen gut sein, in vielen Fällen auch extrem gut. Aber wir sollten ein Beispiel geben und Anstand zeigen.

Was haben Sie als Nächstes vor?

Wir haben derzeit ein Projekt in Liberia. Menschen aus Konfliktregionen treten aber immer wieder an uns heran und bitten uns um Hilfe. Wir prüfen dann, ob wir wirklich helfen können. Das ist unsere ständige Arbeit.

Das Gespräch führte Claudia von Salzen.

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