Marwa El-Sherbini : Die Stille nach dem Schuss

Der Ehemann der in Dresden getöteten Marwa El-Sherbini will am Mordprozess teilnehmen – ihr Tod beginnt die Stadt zu verändern.

Andrea Dernbach[Dresden]
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Blumen bleiben. Gedenken an die Tote diese Woche vor dem Dresdner Gericht. Foto: ddpddp

Die Ruhe auf dem Hügel ist, so wenige Kilometer von Dresden, fast unwirklich. Eine Sommeridylle, die Reha-Klinik mittendrin, ein trutzig-barockisierender Sanatoriumsbau wie aus Manns „Zauberberg“, ringsum Wiesen und jener leichte Wind, den man eben in Dresden noch vermisste. Ein stärkerer Gegensatz zum Leben von Elwi Okaz, der hier seit ein paar Wochen in einem Einzelzimmer liegt, ist kaum vorstellbar. Vor sechs Wochen ist es in ein paar Minuten in Stücke gefallen, unten in der Stadt. Am Morgen des 1. Juli starb Marwa El-Sherbini, seine Frau, die Mutter seines dreijährigen Sohnes und im dritten Monat schwanger, vor seinen Augen im Verhandlungssaal 10 des Dresdner Landgerichts, von 18 Messerstichen getroffen.

Sie wollten in wenigen Wochen nach Ägypten zurück. Elwis Doktorarbeit, für die er am Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik geforscht hatte, war fertig. Marwa arbeitete wieder. Blieb die Sache mit dem Mann, den sie angezeigt hatte, weil er sie, die Kopftuch trug, auf einem Spielplatz als „Schlampe, Terroristin, Islamistin“ beleidigt hatte, als sie ihn um einen Platz auf der Schaukel für ihren Kleinen bat. Die Geldstrafe, zu der das Gericht ihn verurteilt hatte, wollte er nicht akzeptieren. Also die nächste Instanz, ein neuer Termin. Sie wiederholt ihre Aussage. Danach geht der Mann mit dem Messer auf sie los.

Ausgerechnet der brutale Tod seiner Frau hat Elwi Okaz ins Erzgebirgsidyll versetzt. Die Stiche, die Alex W. auch ihm zufügte, sind weitgehend verheilt. Das größere Problem ist die Schusswunde am Bein. Ein Polizist, der ihn für den Täter hielt, schoss im Handgemenge auf Elwi Okaz, als der verzweifelt versuchte, seine Frau zu schützen; der Schuss durchschlug den Unterschenkel. Die Ermittler, die in den vergangenen Wochen Minute für Minute rekonstruiert haben, was am 1. Juli um 10.20 Uhr in Saal 10 geschah, und die zu klären hoffen, wann genau der tödliche Stich Marwa El-Sherbini traf, werden dann womöglich auch Auskunft darüber geben können, ob sie ohne diesen Schuss auf ihren Mann noch am Leben wäre.

Elwi Okaz ist erst einmal in Deutschland eingeschlossen. Vor seiner Tür steht 24 Stunden am Tag ein bulliger Wachmann, an dem nur Ärztinnen und Pfleger vorbeikommen. Der kleine Mustafa, der seit der Tat bei Marwas Familie in Alexandria lebt und nach dem der Vater sich sehnt, wird weiter auf ihn warten müssen. Okaz will zur Zeit diese Grenze zur Welt draußen, um Kraft zu sammeln, sagen die wenigen, die mit ihm sprechen konnten. Einen guten Monat soll die Therapie noch dauern. Und dann will Elwi Okaz kämpfen. Seine Doktorarbeit ist angenommen, der Doktorvater würde für alles, was noch nötig ist, auch nach Ägypten kommen. Aber Okaz will Deutschland noch nicht verlassen. Er wird am Prozess um den Mord an seiner Frau, der in wenigen Wochen beginnen soll, als Nebenkläger teilnehmen.

Es ist das Vermächtnis von Marwa El-Sherbini, das ihr Mann dann annehmen wird. „Vielleicht hatten wir zu wenig Angst“, hat er noch vor ein paar Wochen gesagt, am Tag der offiziellen Trauerfeier in Dresden. Jetzt scheint er entschlossen, der Angst keinen Raum zu lassen. Schließlich hatte auch sie keine. Duckte sich nicht weg, als sie grundlos beschimpft wurde. Schlug aber auch nicht zurück, sondern ging zur Polizei und später vor Gericht. Engagiert und überlegt wie sie, so wissen es ihre Freunde, ihr ganzes 31-jähriges Leben gelebt hatte: Schulsprecherin am „English Girls’ College“ in Alexandria, wo sie ihren Abschluss mit Auszeichnung machte, in der Handballmannschaft der Schule und in Ägyptens Nationalteam spielte und sich mit Gleichgesinnten aus ihrer früheren Schule auch als Studentin noch um Alte, Kranke und Kinder kümmerte. „Sie hatte alles“, sagt ein Jugendfreund. Eine Schulkameradin schreibt über sie, sie sei „stark wie ein Felsen“ gewesen und „sanft wie ein Windhauch“.

Auch in Dresden hatte Marwa El-Sherbini sich engagiert; sie und andere aus dem kleinen Kreis der Dresdner Muslime wollten ein islamisches Kulturzentrum auf die Beine stellen. Ihre Freunde sammeln weiter. Wenn alles klappt, soll das Zentrum ihren Namen tragen.

Dresdens Migranten haben sich am vergangenen Montag getroffen, um zu beraten, wie es weitergehen soll. Viel ist noch nicht zusammengekommen. Ahmed Aslaoui, der Sprecher des Islamischen Zentrums von Dresden, zuckt ein wenig resigniert die Achseln: „Es war chaotisch.“ Aber das sei auch kein Wunder: „Es gibt bei uns noch keine Tradition der Zusammenarbeit.“ Marwa El-Sherbinis Tod hat das verändert.

Und auch außerhalb des Kreises der Migranten ist seit Marwas Tod in Dresden vieles nicht mehr wie zuvor. Die Oberbürgermeisterin, die keinen Grund sah, ihren Urlaub für die Trauerfeier zu unterbrechen, hat sich inzwischen mit den Migranten der Stadt getroffen und dabei eingestanden, dass die Dinge nicht zum Besten stehen in ihrer Stadt, dass sie gerade zum Schutz von Frauen mehr tun müsste, die wie Marwa El-Sherbini als Musliminnen erkennbar sind.

Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität, hatte in einem Offenen Brief an die „Sächsische Zeitung“ nach der offiziellen Trauerfeier deren schlechten Besuch und mangelnde Organisation angeprangert und der Stadt vorgeworfen, sie verstehe die Dimension des Verbrechens nicht: „Die Bilder und Berichte von diesem Verbrechen gehen um die Welt, und sie fügen sich ein in ein bereits vorhandenes Urteil über unsere Stadt: Dass man als ethnisch anders aussehender Mensch hier nicht sicher ist.“ Dagegen könne man nicht mit beruhigenden Statistiken angehen, wenn andererseits jeder dritte ausländische TU-Student angebe, schon einmal wegen seines anderen Aussehens beschimpft oder bedroht worden sei.

Jetzt könnte sich etwas bewegen. Es scheint, als habe es Marwa El-Sherbini und ihren Mann dafür gebraucht, zwei Naturwissenschaftler, die den Beweis antreten, dass Energie nie verloren geht.

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