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Masar-i-Sharif in Afghanistan : Acht Tote bei Taliban-Angriff auf deutsches Konsulat

Mindestens acht Menschen starben bei einem Selbstmordattentat auf das deutsche Konsulat in Masar-i-Sharif am Donnerstag. Am Freitag erschossen Bundeswehrsoldaten dort zwei Männer.

Sicherheitsleute am Gelände des attackierten deutschen Konsulats in Masar-i-Sharif
Sicherheitsleute am Gelände des attackierten deutschen Konsulats in Masar-i-SharifFoto: AFP/Farshad Usyan

Bei einem Angriff der radikalislamischen Taliban-Milizen auf das deutsche Generalkonsulat in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif mit einer Autobombe sind am Donnerstag mindestens acht Menschen getötet worden. Der Chef des Zivilkrankenhauses der Stadt, Nur Mohammed Fais, sagte, bisher seien fünf Leichen in das Krankenhaus eingeliefert worden. Nach Polizeiangaben war auch ein Attentäter ums Leben gekommen, als er vor dem Konsulat die Bombe zündete.

Alle Toten seien Afghanen. Mindestens 120 Menschen wurden verletzt. Deutsche waren nach Angaben des Auswärtigen Amtes nicht zu Schaden gekommen. "Wir sind froh, dass alle deutschen Mitarbeiter des Generalkonsulats unversehrt und in Sicherheit sind. Unser Mitgefühl gilt den afghanischen Verletzten und Angehörigen der Opfer", teilte das Auswärtige Amt mit. Die „schwer bewaffneten Angreifer“ seien vom Sicherheitspersonal des Generalkonsulats, von afghanischen Sicherheitskräften und Sondereinsatzkräften der Nato-Militärmission Resolute Support aus dem etwa zehn Kilometer entfernten, von der Bundeswehr geführten Camp Marmal zurückgeschlagen worden. In dem Lager sind derzeit noch etwa 1000 deutsche Soldaten stationiert, darunter auch eine sogenannte Schnelle Eingreiftruppe. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte noch am späten Donnerstagabend einen Krisenstab einberufen.

Am Freitagmorgen erschossen Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif zwei Motorradfahrer. Das bestätigte der Sprecher des Gouverneurs der Provinz, Munir Farhad. Die Motorradfahrer hätten nicht angehalten, als sie dazu aufgefordert worden seien. „Spiegel online“ berichtete, dass ein weiterer Motorradfahrer schwer verletzt worden sei.

Steinmeier sagte am Freitag in einem knappen Statement, die eingesetzten afghanischen und deutschen Soldaten sowie weitere internationale Sicherheitskräfte der Nato-Mission "Resolute Support" hätten mit ihrem Einsatz großen Mut bewiesen. "Mein tief empfundenes Beileid ist bei den Angehörigen der Opfer", fügte er hinzu. Derzeit tage weiter der Krisenstab im Auswärtigen Amt, der die "notwendigen Maßnahmen" vor Ort koordiniere.

Der Angriff auf das Konsulat war einer der bisher schwersten auf ein deutsches Ziel in Afghanistan. Im Januar 2009 war die deutsche Botschaft in Kabul bei einem Autobombenanschlag beschädigt worden. Ein Talibansprecher gab damals an, zwei deutsche Diplomatenfahrzeuge seien das Ziel gewesen. Experten hielten es damals für wahrscheinlicher, dass die Taliban ein gegenüberliegendes US-Militärcamp angreifen wollten.

Gewaltige Explosion riss tiefen Krater

Im Generalkonsulat, das erst im Juni 2013 eröffnet worden war, sind etwa zwei Dutzend deutsche Mitarbeiter beschäftigt. Es ist die zweite deutsche Auslandsvertretung neben der Botschaft in der Hauptstadt Kabul. Sie befindet sich im Zentrum der Stadt, unweit der berühmten Blauen Moschee. Aus Sorge vor Anschlägen ist sie streng gesichert, unter anderem durch eine etwa fünf Meter hohe Mauer.

Der Angriff begann laut Einsatzführungskommando der Bundeswehr gegen 23.05 Uhr Ortszeit. Anwohner berichteten von einer gewaltigen Explosion, die einen mehrere Meter tiefen Krater in die Straße gerissen habe. Ein Sprecher des Gouverneurspalasts, Munir Farhad, sagte, sie sei so mächtig gewesen, dass in weitem Umkreis Fensterscheiben zersplitterten. Der Strom fiel aus. Ein Anwohner sagte, „wir sitzen hier im Dunkeln und haben Angst, zu fliehen. Da draußen könnten noch mehr Taliban sein.“

Das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Sharif, aufgenommen im Juni 2013.
Das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Sharif, aufgenommen im Juni 2013.Foto: Nicolas Armer/dpa

Nach Angaben des Polizeichef der Provinz, Saied Sadat, handelte es sich nach bisherigen Erkenntnissen aber um nur einen Attentäter. Deutsche Truppen hätten das Gebäude durchkämmt und keine weiteren Angreifer entdeckt. Auch afghanische Spezialkräfte seien vor Ort und blieben bis zum Morgen, weil das Tor und Teile der Außenmauern schwer beschädigt worden seien.

Der Attentäter habe einen mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen gegen eine Außenmauer des Konsulats gefahren, sagte Polizeichef Sadat weiter. Es habe sich um einen Kohlelaster gehandelt. Das Gebäude wurde bei dem Angriff schwer beschädigt, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Taliban sprechen von Vergeltungstat

Die Taliban bekannten sich zu der Tat. Der Angriff habe sich gegen das „Invasorenland Deutschland“ gerichtet und sei Vergeltung für einen Luftangriff in der nordafghanischen Provinz Kundus.

Am 3. November waren in Kundus US-Streitkräfte afghanischen Streitkräften unter Beschuss mit einem Luftangriff zu Hilfe gekommen. Dabei waren mehr als 30 Zivilisten ums Leben gekommen. Der Angriff löste international Kritik aus.

Seit März ist ein kleines Kontingent deutscher Soldaten in Kundus zur Beratung der afghanischen Armee. An dem Luftangriff waren sie nach Auskunft der Bundesregierung aber nicht beteiligt.

Vor einer Woche waren in der Provinz Kundus bei einem US-Luftangriff auf radikalislamische Taliban mehr als 30 Zivilisten getötet worden. 19 weitere wurden verletzt. Der Angriff löste international Kritik aus. Der Tod von Zivilisten sei nicht hinnehmbar und untergrabe die Bemühungen zum Aufbau von Frieden und Stabilität in dem Land, sagte der UN-Beauftragte für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto.

Im Januar hatten die Taliban bereits das Konsulat von Indien angegriffen. Das Personal konnte sich damals rechtzeitig in Sicherheit bringen. Wenige Tage später griffen sie das pakistanische Konsulat in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad an. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben. (dpa, Tsp)

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