Massaker : Bilge ist Schock und Chance

Der Tod von 44 Menschen bei dem Massaker von Bilge hat nicht nur die türkische Öffentlichkeit tief erschüttert, sondern auch einige Fundamente der bisherigen Kurdenpolitik Ankaras ins Wanken gebracht. So wird über eine Abschaffung des Dorfschützer-Systems diskutiert.

Susanne Güsten[Istanbul]
Bilge
Schwer bewaffnet. Ein „Dorfschützer“ in der Nähe der türkisch-irakischen Grenze. Nach dem Attentat auf eine Hochzeitsgesellschaft...Foto: AFP

Gleichzeitig melden sich die Kurdenrebellen von der PKK in einer großen türkischen Zeitung mit Friedenssignalen zu Wort. Die Erkenntnis, dass endlich Schluss sein muss mit der Gewalt, gewinnt an Stärke.

Seit 25 Jahren kämpft der türkische Staat in Südostanatolien gegen den Aufstand der PKK. In dieser Zeit sind mehrere zehntausend Menschen gestorben, Millionen andere wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land und in Europa. Rund 3000 Dörfer wurden zerstört, um der PKK den Nachschub abzuschneiden, die Landwirtschaft wurde als Existenzgrundlage für viele Menschen im Kurdengebiet durch das Dorfschützer-System ersetzt: Männer in Dörfern wie Bilge erhalten vom Staat einen Sold sowie Waffen und Munition, um gegen die PKK zu kämpfen.

Die Bilanz dieser zweieinhalb Jahrzehnte fällt für Ankara vernichtend aus. Die Kurdenregion ist heute der ärmste und sozial rückständigste Teil der Türkei und ein ständiger Unruheherd, aber die PKK ist immer noch da. Die Verengung der Kurdenfrage auf Sicherheitsaspekte habe die Angelegenheit zu einem gesellschaftlichen „Wundbrand“ werden lassen, schrieb der selbst aus dem Kurdengebiet stammende Jurist und Intellektuelle Mithat Sancar in der Zeitung „Taraf“. Die PKK sei nicht die Ursache des Konflikts, sondern eine seiner Folgen.

Für solche Sätze wird man in der Türkei normalerweise als Separatist beschimpft. Nach dem Massaker von Bilge ist das anders. Selbst die Regierung denkt über eine Abschaffung des Dorfschützer-Systems nach. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fordert verstärkte Anstrengungen, um das Bildungsniveau im Kurdengebiet zu heben.

Es ist also einiges in Bewegung in der Türkei. Und auch die im Nordirak verschanzte PKK gibt sich bereit für Veränderungen. Murat Karayilan, seit der Inhaftierung von PKK-Chef Abdullah Öcalan vor zehn Jahren der starke Mann der Kurdenguerrilla, betonte in den vergangenen Tagen in einem mehrteiligen Interview mit der „Milliyet“, die Kurdenrebellen wollten keinen eigenen Staat mehr, sondern nur die Gleichbehandlung der Kurden als türkische Staatsbürger. Karayilan sprach von einer Friedenschance, die nicht verschenkt werden dürfe. Ein endgültiger Gewaltverzicht der PKK sei möglich.

Nun hat die PKK in den vergangenen Jahren bereits häufiger ihre Gesprächsbereitschaft angedeutet, nur um kurz darauf den bewaffneten Kampf wieder mit voller Härte aufzunehmen. Ankara wird deshalb sehr skeptisch sein. Ein Aspekt macht die Situation besonders: Sowohl im türkischen Staat als auch in der PKK macht sich die Einsicht breit, dass der Kurdenkonflikt mit Gewalt nicht zu lösen ist. „Auch Terroristen sind Menschen“, sagte sogar Generalstabschef Ilker Basbug erst vor kurzem. Die PKK steht unter Druck der nordirakischen Kurden und der Zentralbehörden in Bagdad: Die Iraker wollen das Hauptquartier der türkischen Kurdenrebellen nicht länger auf ihrem Territorium dulden.

Der Staat müsse einsehen, dass er die PKK mit seinen bisherigen Rezepten nicht besiegen könne, schrieb Sancar. Und die PKK müsse erkennen, dass sie den türkischen Kurden mit ihren Gewaltaktionen schade. Ein umfassendes „Entwaffnungsprogramm“ sei gefragt.

Ob Regierung und die PKK bereit sein werden, konkrete Schritte für eine solche Deeskalation zu unternehmen, ist noch nicht abzusehen. Fest steht aber, dass die Chancen für neue Ansätze derzeit besser sind als seit Jahren. Mit Karayilans Interview hätten indirekte Verhandlungen zwischen der PKK und der Türkei begonnen, schrieb der Publizist Mehmet Ali Birand, einer der erfahrensten Beobachter des Konflikts, in der Zeitung „Posta“. Das Tor für eine Lösung öffne sich: „Je schneller man dieses Tor passiert, desto weniger unserer Menschen müssen sterben.“

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