Politik : Massenproteste zum 9.9.99 erwartet

Gabriele Venzky

Burmas Militärdikatoren, die zu den langlebigsten und übelsten der Welt gehören, sind so leicht nicht zu beeindrucken. Aber dieser Donnerstag versetzt sie in Panik. Denn dieser Donnerstag trägt ein magisches Datum: 9.9.99. Die vier Neunen werden in diesem Land, in dem der Astrologie und magischen Zahlen eine große Bedeutung beigemessen werden, als Omen dafür gewertet, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet. Der im "Ruhestand" lebende Ex-Diktator Ne Win zum Beispiel ließ extra Banknoten mit den auf der Welt wohl einmaligen Werten von 15, 45 und 90 Kyat drucken.

Die Generäle rechnen damit, dass ihr unterdrücktes Volk aufbegehrt. Schon beim letzten magischen Datum geschah genau dies. Vor elf Jahren nämlich, genau am Tag der vier Achten, also am 8.8.88, begann mit friedliche Massendemonstrationen jene Revolution in Burma, die das wohl für lange Zeit letzte große Aufbegehren der Menschen in dem asiatischen Land gegen ihre Peiniger gewesen sein könnte. Der Ruf nach Demokratie wurde alsbald blutig erstickt, Hunderte starben, Tausende verschwanden, und die damals gegründete Nationale Liga für Demokratie (NLD) wurde um ihren überwältigenden Wahlsieg gebracht, weil die Generäle sich schlicht weigerten, das Abstimmungsergebnis anzuerkennen. NLD-Führerin Aung San Suu Kyi, die 1990 den Friedensnobelpreis bekam, verschwand für sechs Jahre völlig isoliert im Hausarrest und kann sich bis zum heutigen Tag nicht frei bewegen.

Burmas Revolution ist unterdessen von der Welt weitgehend vergessen worden, weil kurz darauf die Demokratie-Bewegung auf dem Tienanmen-Platz in Peking unterdrückt wurde, übrigens lange nicht so grausam wie in Rangun.

Die Militärs haben nichts vergessen und deshalb vorgesorgt. Sämtliche Straßen in Rangun und in den anderen größeren Städten sind so umgebaut worden, dass sich keine größeren Menschenmengen dort mehr versammeln können, jeder Protest kann mit einem einzigen strategisch postierten Maschinengewehr auseinandergetrieben werden. Die Streitkräfte wurden von 195 000 auf 450 000 Mann verstärkt, vor allem der militärische Geheimdienst wuchs fast um das Doppelte.

Auf jeweils drei Einwohner kommt mittlerweile ein Spitzel, und das ansonsten computerlose Land verfügt über ein aus Singapur geliefertes hochentwickeltes technisches Überwachungssystem, das nicht nur sämtliche Telefone, Faxe und e-mail, sondern sogar Satelliten-Telefone überwacht. Orwellsche Zustände.

Die Universitäten, die nach 1988 nur kurz geöffnet waren, sind seit zwei Jahren schon wieder geschlossen. Die Junta hat Angst vor den Studenten. Aber noch größere Angst hat sie vor Aung San Suu Kyi. Die unbeugsame Führerin der Demokratie-Bewegung, die eigentlich die rechtmäßige Regierungschefin des Landes ist, muss hilflos zusehen, wie abermals Tausende ihrer Anhänger und gewählte Parlamentarier verhaftet werden. Allein in den letzten Tagen waren es den Angaben der Exil-Opposition zufolge weit über 200 Menschen.

Die gebildete Mittelklasse hat resigniert und sich damit abgefunden, dass Burma, die ehemalige Reisschüssel Asiens, zusammen mit Laos und Kambodscha zum ärmsten Land Südostasiens heruntergewirtschaftet ist. Der Reis wird jedes Jahr um 60 Prozent teurer. Zur allgegenwärtigen Angst hat sich längst die chronische Unterernährung gesellt.

Mit dem Argument, das Parlament könne erst dann zusammentreten, wenn eine neue Verfassung für Burma ausgearbeitet sei, wird jeglicher Schritt in Richtung Demokratie von der Junta torpediert. An dieser Verfassung wird seit zehn Jahren gearbeit, und niemand rechnet damit, dass sie jemals fertig wird. Unterdessen haben die Generäle zwei Dinge erreicht: Sie haben durch ihre Aufnahme in den südostasiatischen Staatenbund Asean eine gewisse internationale Anerkennung bekommen, wobei sich freilich die Erwartung der Nachbarschaft als Fehlkalkulation erwiesen hat, sie könnten einen Wandel durch Annäherung schaffen, sprich Burmas Militärs mit diesem Schritt "aufweichen". Die Generäle klammern sich an die Macht. Vor allem aber haben sie erreicht, dass die große, wenn nicht einzige Hoffnung der Burmesen, ihre Heldin Aung San Suu Kyi, langsam in Vergessenheit gerät. Denn der quasi-Hausarrest verhindert den direkten Kontakt zum Volk. Gegenwärtig ist jegliche Hoffnung auf Freiheit und Menschenrechte zunichte gemacht.

Die jahrelange Isolation, die ständigen Schikanen und Verfolgungen sind außerdem nicht ohne Folgen für die Nationale Liga für Demokratie geblieben. Die Partei bröckelt in sich zusammen, viele NLD-Mitglieder sind mit der kompromisslosen Haltung ihrer Führerin inzwischen unzufrieden, raten zur Annäherung an die Generäle oder haben schlicht aufgegeben. Die Strategie der Generäle ist also aufgegangen: Sie sitzen so fest im Sattel wie nie zuvor. Dass sie dennoch Angst haben vor den vier Neunen am Donnerstag läßt sich mit westlichen Maßstäben nicht erklären. Wie so vieles in Burma, dem gewissermaßen von der übrigen Welt vergessenen Land.

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