Politik : Massiver Missbrauch Behinderter Frauen in Heimen besonders betroffen

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Berlin - Jede zweite bis dritte behinderte Frau ist in ihrem Leben schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden. Das geht aus einer aktuellen Studie der Universität Bielefeld hervor, die am Dienstag bei einer Tagung in Berlin vorgestellt wurde. Von den knapp 1600 befragten Frauen gab jede dritte bis vierte an, dass sie bereits in der Kindheit und Jugend sexuellen Übergriffen ausgesetzt war. Das sind deutlich mehr als im Bevölkerungsschnitt – in einer Studie von 2004 lag dieser Anteil bei zehn Prozent.

Auch im Erwachsenenalter setzt sich laut der Befragung der Missbrauch fort: So gab jede dritte bis fünfte Frau an, dass sie als Erwachsene zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde. Besonders stark betroffen sind dabei Frauen, die in Einrichtungen leben. Ohnehin empfinden viele Frauen ihren Alltag in einer Betreuungseinrichtung als belastend. So hatte jede fünfte Frau kein eigenes Zimmer für sich, viele Frauen können nach eigenen Angaben außerdem nicht bestimmen, mit wem sie zusammenwohnen.

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) bezeichnete das Ausmaß des Missbrauchs in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ als „erschreckend hoch“. Sie kündigte schnelle Hilfe für die Opfer an. Ihr Parlamentarischer Staatssekretär Hermann Kues (CDU) sagte auf der Tagung, behinderte Mädchen und Frauen müssten besonders geschützt werden. Zum einen sollten mehr behinderte Frauen zu Frauenbeauftragten ausgebildet werden. Sie sollten ihren Mitbewohnerinnen oder Kolleginnen in Behindertenwerkstätten und Einrichtungen helfen können, wenn sie Gewalt erleben oder befürchten. Darüber hinaus unterstützt das Ministerium den Aufbau eines Hilfetelefons, das Ende 2012 starten und für Betroffene rund um die Uhr erreichbar sein soll.

Die Studie liefert erstmals für Deutschland repräsentative Zahlen zu Gewalterfahrungen von Frauen mit starken, dauerhaften Behinderungen. Befragt wurden Frauen im Alter von 16 bis 65 Jahren, die zu Hause oder in Behinderteneinrichtungen leben. Bei Frauen mit geistigen Behinderungen wurden die Interviews in einfacher Sprache geführt.

Laut der Untersuchung erleben erwachsene behinderte Frauen auch deutlich häufiger psychische und körperliche Gewalt als ihre nicht behinderten Geschlechtsgenossinnen: Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie beleidigt, gedemütigt, erpresst oder Psychoterror ausgesetzt worden seien. Mehr als die Hälfte hatte mindestens einmal körperliche Gewalt erlebt – häufig waren es schwere, bedrohliche Übergriffe.

Die Wissenschaftlerinnen stellten in ihrer Studie auch einen wechselseitigen Zusammenhang zwischen Gewalt und gesundheitlicher Beeinträchtigung fest: So hätten behinderte Frauen nicht nur ein höheres Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, sagte Monika Schröttle von der Universität Bielefeld. Auch umgekehrt dürften frühe Gewalterfahrungen maßgeblich zu späteren körperlichen und psychischen Problemen beigetragen haben.

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