Matthias Platzeck : Hoffnungsträger der SPD für 146 Tage

Potsdam - 99,4 Prozent, 146 Tage - zwei Zahlen, die die kurze Amtszeit von Matthias Platzeck als SPD-Bundesvorsitzender kennzeichnen. Am 15. November vergangenen Jahres wählt der SPD- Parteitag den brandenburgischen Ministerpräsidenten mit einem der besten Ergebnisse in der Parteigeschichte zum SPD-Bundesvorsitzenden. Er bekommt 99,4 Prozent der Stimmen. Am 10. April - 146 Tage später - erklärt der 52-Jährige sichtlich bewegt seinen Rücktritt, auf dringenden Rat der Ärzte, wie er betont.

Als neuer Hoffnungsträger sollte «Sonnyboy» Platzeck die SPD aus der Krise herausführen, in die sie durch den abrupten Abgang von Franz Müntefering gestürzt worden war. Zugleich blieb er Ministerpräsident und SPD-Landeschef in Brandenburg. Schnell erhoben sich warnende Stimmen, dass die Dreifachbelastung zu viel sein könnte.

Bereits zum Jahresende 2005 habe er einen ersten Hörsturz gehabt, am 11. Februar dann einen Kreislauf- und Nervenzusammenbruch und am 29. März den zweiten Hörsturz, räumt Platzeck jetzt ein. Zuletzt war er eine Woche lang im Krankenhaus behandelt worden. In den vergangenen Jahren hatten bereits Sportunfälle, grippale Infekte, eine Lungenentzündung und auch ein eingeklemmter Nerv Platzeck zu schaffen gemacht.

Platzeck hat sich bei der Vergabe von Ämtern nie aufgedrängt. Fast immer wurde er gerufen. Berliner Regierungsämter hatte er ausgeschlagen. Bislang wurde aber davon ausgegangen, dass er als Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der nächsten Bundestagswahl 2009 antreten wird.

Der am 29. Dezember 1953 in Potsdam geborene Platzeck wächst in einem evangelisch geprägten Elternhaus auf. Er will Kosmonaut werden und macht bei den Jungen Pionieren mit. Der studierte Umwelthygieniker erkennt durch seine Arbeit am Hygiene-Institut in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und später in Potsdam die ungeheure Umweltbelastung in der DDR. Sie wird die Triebfeder für sein politisches Engagement, das mit der Wende 1989 beginnt.

1990 zieht er für die Grüne Partei der DDR in die erste frei gewählte Volkskammer ein. Nach der Einheit ist er bis 1998 Umweltminister im brandenburgischen Kabinett von Manfred Stolpe (SPD). 1997 macht er sich beim Jahrhunderthochwasser an der Oder durch seine unermüdliche Präsenz einen Namen als Krisenmanager und erwirbt sich den Ehrentitel «Deichgraf».

Weil er die Fusion von Bündnis 90 mit den westdeutschen Grünen ablehnt, ist Platzeck vorübergehend parteilos, bis er 1995 der SPD beitritt. Der als geradlinig und besonnen geltende Politiker wird 1998 Potsdamer Oberbürgermeister und folgt 2002 auf Stolpe als Brandenburger Regierungschef. Seitdem leitet der geschiedene Vater von drei Töchtern eine große Koalition mit der CDU. (tso/dpa)

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