Matthies meint : Die letzte Gauloise - und auch noch das Baguette?

Frankreich ist auch nicht mehr, was es mal war: Präsidenten dilettieren, Zigaretten-Ikonen abgewickelt - und was wird aus Baguette und Claudette und Rotwein? Eine Betrachtung.

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Frankreich ist kompliziert geworden. Bald-Ex-Präsident Hollande dilettierte 2014 als heimlicher Geliebter seiner Inzwischen-Lebensabschnittsgefährtin, der Schauspielerin Julie Gayet. Darüber schrieb ihre Vorgängerin in dieser Rolle, Valerie Trierweiler, ein Buch, das später verfilmt wurde. Dabei stand Fronkreisch mal für ganz einfache Liberté mit Cigarettes/Baguette/Jeanette/Claudette. Alles perdu?
Frankreich ist kompliziert geworden. Bald-Ex-Präsident Hollande dilettierte 2014 als heimlicher Geliebter seiner...Foto: Thierry Zoccolan/AFP

Frankophilie: Lieblingszustand deutscher Intellektueller des 20. Jahrhunderts. Bei einer Flasche St.Emilion Grand Cru über den Inhalt der „Monde Diplomatique“ sinnieren, mit schlechtem Gewissen eine Scheibe Gänsestopfleber verspeisen, einen weiten diskursiven Bogen schlagen von Sartre über Lacan zu Bourdieu und zurück – das schien damals allen wie ein Heilmittel gegen das Allzudeutsche, gegen Bratwurst und Bierzeltmuff und Helmut Kohl. Und wenn auch viele der Mitdenker frühzeitig in die leichtfüßigere Toskana- Fraktion abgedampft sind, ist das Lebensgefühl geblieben, geronnen zu ikonischen Symbolen: der Franzose auf dem Motorroller, Baskenmütze, Baguette, gelbe Finger von der filterlosen Gauloise, unterwegs zur heimlichen Geliebten.

Dass einer wie François Hollande ernsthaft in dieser Rolle dilettierte, war aber schon ein deutliches Zeichen des Niedergangs. Nun kommt aus einer unerwarteten Ecke ein weiteres: Der Hersteller Seita wird 2017 seine letzte große Gauloises-Fabrik schließen und die ohnehin schrumpfende Nachfrage dann aus, ja, Deutschland und Polen bedienen.

Aus Deutschland. Die Gallierin! Das ist ungefähr, als sei die alte Vision der Bläck Fööss wahr geworden: Ich werde wach mit Schreck: Meine Cigarettes sind weg/Und auch noch das Baguette/Wo sind Jeanette und Claudette?

So steht es um Fronkreisch. Die Gauloise, so viel für notorische Nichtraucher, gab es in verschiedenen Variationen. Authentisch war sie nur ohne Filter, das verstand sich von selbst. Meinungsführer aber rauchten die harte Version im Maispapier, die Lungenkrebs praktisch zum Zuschauen machte, dazu richtig gelbe Finger. Zu steigern war das nur noch durch die ebenfalls in Maispapier gewickelte Gitane, die Marke der todessüchtigen Jazztrompeter. Das heute dazu passende Schockbild auf der Packung wäre kein Raucherbein, sondern eine Atombombenexplosion. Sie wird offenbar immer noch im Stammland produziert, allerdings in einer sehr entschärften Fassung.

So oder so: Die Vorstellung, dass ausgerechnet die Gauloise auf Werkbänken in Deutschland gedreht wird, ist irgendwie schmerzhaft. So löscht der globale Turbokapitalismus die nationalen Identitäten aus! Trump sei Dank, dass wir jetzt nicht stattdessen Chlorhühner rauchen müssen!

Allerdings: Über den Bordeaux müssten wir noch mal reden. Dessen Produktion nach Deutschland verlegt – das gäbe angenehm sinkende Preise und würde auch die Transportwege verkürzen. Anständige Baguettes dazu machen wir sowieso schon längst.

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