Matthies meint : Ein Tag gegen die Dicken

Außer Ostern und Weihnachten sind inzwischen alle Tage x-fach mit Themen wie Weltmädchentag oder Tag der Organspende besetzt. Aber es gibt meist einen Sieger, und das war am Dienstag zweifellos der Adipositas-Tag. Eine Glosse.

von
Eine Chirurgin führt im Stadtkrankenhaus Schwabach eine Nachuntersuchung an einem Adipositas-Patienten durch.
Eine Chirurgin führt im Stadtkrankenhaus Schwabach eine Nachuntersuchung an einem Adipositas-Patienten durch.Foto: dpa

Der Weltkalender füllt sich immer dichter mit Thementagen – außer Ostern und Weihnachten sind praktisch alle Tage x-fach gesteckt. Gestern zum Beispiel hatten wir Weltmädchentag, „Coming Out Day“, den Europäischen Tag der Organspende und, noch relativ frisch in der Liste, den Welt-Adipositas-Tag. Der Zweck all dieser Tage liegt darin, wie es im Jargon der Veranstalter heißt, die Menschen für das jeweilige Thema zu sensibilisieren. Was in der Realität heißt: Es gibt einen Hagel aus den typischen Presseerklärungen, Stellungnahmen und Forderungen, die dann auch überall rumgereicht und abgedruckt werden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich diese Dinge bei vier und mehr Themen pro Tag alle gegenseitig erledigen. Aber es gibt meist einen Sieger, und das war am Dienstag zweifellos der Adipositas-Tag, der auch Diabetes-Tag hätte heißen können, weil das in den Augen der Öffentlichkeit längst alles eins ist. Zur Liturgie dieses Themas gehört die Steuer auf zuckerhaltige Getränke, die auch diesmal wieder vehement gefordert wurde, sogar von der WHO persönlich. In Mexiko, so hieß es, habe eine solche Steuer zum Rückgang des Konsums geführt.

In einer perfekten Welt wären die Kinder auf ungesüßten Kräutertee umgestiegen

Belege dafür, dass damit nun auch der Rückgang der Adipositas und der sich daraus ergebenden Zuckerkrankheit ergäben, wurden nicht aufgeführt. Egal: In einer perfekten Welt wären die Kinder, um die es hier geht, vermutlich auf ungesüßten Kräutertee umgestiegen und sähen nun einem gesunden Leben bis ins höchste Alter entgegen; in der Realität nehmen sie vermutlich einfach mehr Süßstoff ein, der alles noch viel schlimmer macht. Aus den Wogen ähnlicher politischer Kraftakte ragt übrigens die dänische Buttersteuer heraus, die 2011 eingeführt und ein Jahr später als Totalflop wieder abgeschafft wurde.

Aber da ist noch was Neues: die Forderung nach Einsetzung eines Adipositas- und Diabetes-Beauftragten der Bundesregierung. Beauftragte kann man nicht genug haben, dieser hier könnte sich zum Beispiel dafür aussprechen, Reiner Calmund nicht mehr im Fernsehen Süßes schlecken zu lassen.

Den 8. Oktober haben wir leider verpasst: Da war der Stell-dich-deinen-Ängsten-Tag. Andererseits: Den haben wir in Deutschland ja rund ums Jahr.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben